Stand: 02.2026
Aktuellere Entwicklungen im Themenkomplex
Wirbelschleppen und andere Risiken,




BIFR-Doku:

Gefahren durch Flugunfälle

Der folgende Text befasst sich mit Risiken und Gefahren, die die Anwohner des Rhein-Main-Flughafens betreffen, und gliedert sich wie folgt:

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Grafik

Wenn's mal richtig schiefgeht, sind die Schäden immens.
(Bilder vom Absturz einer DC-6 der KLM bei Frankfurt 1952)

Allgemeine Aspekte

Gemäß einem älteren Bonmot aus der Luft­fahrt gibt es bei einem Flug drei kritische Phasen: Start, Reise­flug und Landung. Die Wahr­heit dahinter ist, dass im Flug immer etwas pas­sieren kann. Zwar betont die Luft­verkehrs­wirt­schaft, dass Fliegen heute so sicher wie nie zuvor ist, und Statis­tiken von EASA, ICAO und IATA bestä­tigen das auch, obwohl die Daten der letzten Jahre einige bedenk­liche Schwan­kungen (wenn auch auf nied­rigem Niveau) zeigen.
Dies hängt natür­lich auch mit dem Verfall der Sicher­heits­kultur beim Flug­zeug-Her­steller Boeing zusammen, der zu einer Serie von Zwischen­fällen inklu­sive einiger Abstürze führte.

Für Anwohner in der Nähe von Flug­häfen ist insbe­sondere interes­sant, dass sich die Risiken während der verschie­denen Flug­phasen nicht gleich­mässig ver­teilen. Eine neuere statis­tische Analyse bestätigt eine ältere „Plus Drei Minus Acht“-Regel, "die besagt, dass 80 Prozent aller Flug­zeug­unfälle sich ent­weder in den ersten drei oder den letzten acht Minuten eines jewei­ligen Fluges ereig­nen".
Einge­denk dessen hat Fraport im Plan­fest­stellungs­verfahren für die letzte Ausbau­runde gleich zwei (online nicht mehr ver­fügbare) Gut­achten zur Sicher­heit vor­gelegt: "Externes Risiko für den Flug­hafen Frank­furt Main (G 16.1)" und "Bestim­mung der Luft­fahr­zeug­unfall­rate und der Morta­litäts­rate für den Flug­hafen Frankfurt Main (G 16.2)".

Die Ergeb­nisse sind beruhi­gend. Die "Aufent­halts­dauer, um von den Folgen eines Flug­zeug­unfalls betrof­fen zu sein", liegt bei "ununter­brochenem Aufent­halt" in der Umge­bung des Flug­hafens zwischen 100.000 und 10 Mill­ionen Jahren - und wer bleibt da schon so lange?
Abstürze sind noch seltener. Bei Abflügen ist nur einer in knapp 24 Mill­ionen Jahren zu erwarten, hin­gegen muss man bei den Anflügen schon in den nächsten 13,7 Mill­ionen Jahren mit einem Absturz rechnen. In Raun­heim, direkt unter den Anflug­linien zur Süd- und zur Center-Bahn, müssen wir also etwas besser auf­passen. Hier wissen wir aber auch, was von solchen Gut­achten zu halten ist. Schliess­lich wurde bei dieser Gelegen­heit auch eines vor­gelegt, wonach ein Wirbel­schleppen-Schaden in Raunheim nur einmal in 10 Millionen Jahren auf­treten sollte.

Aber auch zu diesen Ergeb­nissen gibt es noch eine Art statis­tischer Bestäti­gung. Die Unfall-Liste in der Sicher­heits­daten­bank SKYbrary für den 'Frank­furt am Main Airport' für dieses Jahr­hundert hat zwar acht Einträge, darunter aber nichts gravie­rendes, insbe­sondere keine Todes­opfer. Bei genau­erem Hin­sehen zeigt sich aller­dings, dass darunter durch­aus Vor­komm­nisse sind, in denen es hätte schlimmer kommen können, und die jüngere Geschichte von Zwischen­fällen bestä­tigt das.
Auch wenn man weiter in die Ver­gangen­heit zurück­schaut, ergibt sich ein anderes Bild. Es liegt zwar schon über siebzig Jahre zurück, aber auch in Raun­heim gab es schon drei Tote bei einem Absturz. Insge­samt kam es am Frank­furter Flug­hafen nach den Archiven des Bureau of Air­craft Acci­dents Archives zu 18 Unfällen, darunter 10 Abstürzen von Verkehrs­maschinen (der letzte 1967).

Ereig­nisse, bei denen es "hätte schlimmer kommen können", werden in der Regel von der Bundes­stelle für Flug­unfall­unter­suchung (BFU) als "Schwere Störung" einge­stuft und unter­sucht. Laut BFU-Defi­nition handelt es sich dann um "ein Ereignis beim Betrieb eines Luft­fahrzeugs, dessen Umstände darauf hin­deuten, dass sich beinahe ein Unfall ereignet hätte".
Die erstellten Unter­suchungs­berichte lassen mitunter lange auf sich warten, liefern aber eine sehr genaue Beschrei­bung der jewei­ligen Abläufe. Die BFU betont aber jedes­mal, dass die Unter­suchungen auf Basis einer EU-Verord­nung durch­geführt werden, und "danach ist das allei­nige Ziel der Unter­suchung die Verhü­tung künftiger Unfälle und Störungen. Die Unter­suchung dient nicht der Fest­stellung des Ver­schuldens, der Haftung oder von Ansprüchen".
Zur "Ver­hütung künftiger Unfälle und Störungen" formu­liert die BFU aber ggf. Empfeh­lungen, die erheb­liches Gewicht haben und die Abläufe im Betrieb wesent­lich beein­flussen können. Das ist auch in der jüngeren Ver­gangen­heit in Frank­furt geschehen.

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BILD-Schlagzeile

Aufgrund dieses Vorfalls wurde Raunheim sogar mal in der BILD-Zeitung erwähnt.

Gefährliche Annäherungen

Eine erste "schwere Störung" im neuen Betriebs­konzept nach Inbe­trieb­nahme der Nord­west­lande­bahn im Oktober 2011 gab es bereits nach zwei Monaten. In der Kurz­dar­stel­lung des schon nach einem Jahr ver­öffent­lichten Unter­suchungs­berichts heisst es tech­nisch trocken,

"dass es am 13.12.2011 um 14:26 Uhr beim Abflug eines am Flug­hafen Frank­furt/Main auf der Piste 25C gestar­teten Airbus A320-214 (A320) zu einer Annähe­rung an einen Airbus A380-800 (A380) gekommen war, der die Landung auf der Piste 25L abge­brochen und ein Fehl­anflug­manöver durch­geführt hat. Die größte Annähe­rung der beiden Flug­zeuge betrug laut Radar­daten 0,97 nautische Meilen (NM) hori­zontal bzw. ca. 200 ft vertikal. Die Staf­felungs­mindest­werte betrugen 7 NM hori­zontal bzw. 1 000 ft vertikal."

Zu den "Syste­mischen Ursachen" für diese Störung wird ausge­führt:

Wesent­lich drama­tischer hatte damals die BILD-Zeitung den Fall darge­stellt. Nach den BFU-Fest­stel­lungen war der kleinere Flieger tatsäch­lich nur ca. 30 Meter von der theore­tischen Grenze des Wirbel­schleppen­bereichs des A380 ent­fernt. Nun ist das aber ein berech­neter Sicher­heits­bereich, und niemand weiß genau, wo und wie stark die Wirbel­schleppen aktuell tatsäch­lich waren - nur eben ausser­halb des Bereichs mit ziem­licher Sicher­heit nicht in einer Stärke, die eine wirk­liche Gefahr hätte sein können. Auch kann es zwar für die Insassen eines kleinen Flug­zeugs ziem­lich unange­nehm werden, in die Wirbel­schleppe eines großen zu geraten - zum Absturz kommt es aber dabei in der Regel erst, wenn noch weitere unglück­liche Umstände dazu kommen und/oder der Pilot Fehler macht.

Aber auch wenn es diesmal nicht so drama­tisch war und gut gegangen ist: die "syste­mische Fehler", auf die der Bericht hinweist, können ohne grund­legende Änderung des An- und Abflug-Systems (mit entspre­chender Reduzie­rung der Kapazität) nicht voll­ständig beseitigt werden (zur grund­sätz­lichen Proble­matik der Südum­fliegung, die für diese spezi­fische Gefahren-Kon­stellation verant­­wortlich ist, ein immer noch aktueller Kommentar aus dem Jahr 2013).
Die BFU verzich­tete gemäß ihres Auftrags natür­lich auf eine umfas­sende Kritik des Frank­furter Betriebs­konzepts, formu­lierte aller­dings fünf Sicher­heits­empfeh­lungen, von denen insbe­sondere eine eine schal­lende Ohr­feige für die Flug­siche­rung ent­hielt und deut­liche Konse­quenzen für den weiteren Betrieb hatte:

"Empfehlung Nr.: 35/2012
Das Bundes­aufsichts­amt für Flug­siche­rung (BAF) sollte sicher­stellen, dass die Flug­siche­rungs­organi­sation für den Verkehrs­flug­hafen Frank­furt/Main Abflüge der Piste 25C und den Fehl­anflug der Piste 25L durch Ände­rungen von Flug­verfahren und/oder betrieb­lichen Ver­fahren ent­zerrt.
Dabei sollte insbe­sondere erreicht werden, dass den Lotsen mehr Zeit zur Ver­fügung steht, etwaige Annähe­rungen früh­zeitig zu erken­nen, um aus­reichende verti­kale und/oder horizon­tale Abstände zwischen den betei­ligten Luft­fahr­zeugen herzu­stellen."

Diese für Laien kryp­tisch wirkende Empfeh­lung führte u.a. dazu, dass die DFS ein als "Tabu­zonen-Rege­lung" bekannt gewor­denes Ver­fahren ein­führte, das hinrei­chende zeit­liche Abstände zwischen den Starts auf der Center­bahn und den Landungen auf der Südbahn sicher­stellen sollte.
Die Umsetzung dieser Rege­lung ist bis heute proble­matisch und umstrit­ten, wurde nie konse­quent einge­halten und 2019 auch ganz offiziell von der DFS infrage gestellt. Der damalige Versuch schei­terte aller­dings an anderen Problemen.

Flugrouten

Gefähr­liche Situa­tionen aufgrund der Nicht­einhal­tung der Sicher­heits­regeln gab es noch etliche. Im August 2013 berich­tete wiederum die BILD-Zeitung über eine "gefähr­liche Annähe­rung" zweier Flug­zeuge, diesmal aller­dings mit Frage­zeichen.
Am Mittwoch, den 07.08., gegen 8:45 Uhr, startete ein Airbus A380 der Singa­pur Air­lines auf der Center­bahn Rich­tung Westen. Gleich­zeitig star­tete eine Boeing 747 der Luft­hansa, die auf der Süd­bahn landen sollte, durch und flog eine Zeit­lang parallel, aber höher, zu dem Airbus. Der nahm glück­licher­weise nicht die Südum­fliegung, die eigent­lich stan­dard­mäßig für diesen Flug­zeugtyp vorge­sehen ist, sondern drehte nach Norden auf die alte Abflug­route ab.
Ein echter Kollis­ions­kurs wurde daher ver­mieden - angeb­lich ohne das Ein­greifen der Flug­lotsen. Trotz­dem scheint der Abstand zwischen den beiden nach den verfüg­baren Daten zeit­weise geringer, als die Regeln vorsehen - die DFS bestritt das aller­dings vehe­ment, und auch die BFU sah diesmal keinen Anlass für eine Unter­suchung.

Im April 2014 machte eine Presse­mittei­lung des BBI einen ähn­lichen Fall öffent­lich, die DFS wider­sprach wieder, und auch die BFU mochte nicht unter­suchen. Aber auch hier blieben wieder Fragen offen. Die Flugrouten der beiden Flugzeuge (ein startender A380 der Lufthansa und eine durch­startende russische B747) lagen zunächst über dem Waldsee bei Raun­heim eng beiei­nander, die Flug­höhen an dieser Stelle waren aller­dings unter­schiedlich. Der zeit­liche Abstand, in dem sie diesen Punkt passier­ten, lag nach Lärm­messungen der Station Raun­heim Nord nur bei rund 35 Sekunden.
Aufgrund von Anzeigen hatte das Bundes­auf­sichts­amt für Flug­siche­rung dann doch noch eine Unter­suchung einge­leitet, als deren Ergeb­nis aber zunächst nur verkündet wurde, dass keine "gefähr­liche Annähe­rung" stattge­funden hat. Ob aber auch die gültigen Regeln für den abhäng­igen Betrieb zwischen Center- und Süd­bahn nicht verletzt wurden, sagte die Meldung nicht, und Ein­blick in die Akten mochte das BAF auch nicht gewähren.

Flugrouten

Während der durchstartende A343 abdreht, startet die B777 (oben) ...
... aber der vorher gestartete A321 wurde auf eine Notabflugroute über Raunheim gelenkt (unten).

Der nächste Fall dann bereits Anfang Juli: am 03.07.14 kurz nach 14:00 Uhr brach ein A343 der Luft­hansa die geplante Landung auf der Südbahn ab. Auf der Center­bahn startete kurz vorher ein A321 und nahm eine Not­abflug­route direkt über Raun­heim. Unmit­telbar nach ihm, noch während der A343 über der Süd­bahn nach Süden abdrehte, startete auf der Center­bahn eine B777 und nahm die Nordwest­abflug­route.
Auch hier wieder offene Fragen: warum nahm der A321 eine Route über Raun­heim, obwohl die Nordwest­abflug­route frei war? Wieso durfte die B777 starten, obwohl parallel das Durch­start­manöver auf der Südbahn lief?

Auch 2015 hatte die DFS das Problem nicht im Griff. Wie der Aviation Herald berichtet, musste am 21. Mai eine aus Moskau kommende B747-400 Fracht­maschine auf der Süd­bahn durch­starten. Der Flug­lotse wies die gleich­zeitig auf der Center­bahn star­tende B767-300 Passa­gier­maschine nach Kanada an, den Start abzu­brechen, was der Pilot trotz fast erreich­ter Start­geschwin­digkeit auch tat - mit heftigen Konse­quenzen.
Auch wenn es hier nicht zu einer "gefähr­lichen Annähe­rung" kommen konnte, weil die 767 gar nicht erst abge­hoben hat, war das Problem doch das gleiche wie in den früheren Fällen.

Eine 2017 ver­öffent­lichte Studie der BFU mit dem eigent­lich viel­ver­sprech­enden Titel "Annähe­rungen und Kolli­sionen von Luft­fahr­zeugen im deutschen Luft­raum 2010-2015" beschäf­tigt sich mit all diesen oder ver­gleich­baren Fällen an anderen Flug­häfen leider nur am Rande und kon­zen­triert sich mehr auf den Sicht­flug­verkehr mit klei­nerem Flug­gerät, wo es deut­lich häufiger zu echten Unfällen und Abstürzen kommt.

2019 wurde eher zufällig durch einen Augen­zeugen deut­lich, dass es auch bei Durch­start­manövern auf der Nord­west­bahn zu gefähr­lichen Annähe­rungen kommen kann. Der Vorfall erregte ein gewisses öffent­liches Auf­sehen, aber nachdem die Verant­wortung für eine öffent­liche Stellung­nahme eine Weile zwischen DFS, BAF, BFU und LBA hin und her geschoben wurde, verlor sich das Medien­interesse wieder, und die DFS konnte die Ange­legen­heit beenden mit der schlichten Begrün­dung:

"Die Bundes­stelle für Flug­unfall­unter­suchung hat das Ereignis unter­sucht und fest­gestellt, dass keine schwere Störung vorge­legen hat und von einer weiter­gehenden Unter­suchung abge­sehen.
Das Ereignis wurde von der DFS eben­falls intern gemäß der fest­gelegten DFS-Prozesse gemeldet und analy­siert und kommt im Ergeb­nis zu der gleichen Bewer­tung des Ereig­nisses wie die BFU."

Die Aussage lautet im Kern also: Es ist nichts passiert, also regt euch nicht auf. Mehr müsst ihr nicht wissen, wir haben alles im Griff.

Auch wenn in keinem dieser Fälle akute Kolli­sions- oder Absturz­gefahr drohte, zeigen sie, dass die gewähl­ten Flugver­fahren nicht, wie gefordert, "syste­misch sicher" sind. Das Grund­problem liegt eben darin, dass viel zu viele Flugbewe­gungen auf einem dafür nicht geeig­neten Bahn­system abge­wickelt werden sollen. Es ist aller­dings zu befürchten, dass sich diese Erkennt­nis nur sehr langsam durch­setzen wird.
Zunächst wurde immer inten­siver versucht, das Igno­rieren von Sicher­heits­regeln zu ver­tuschen, und die DFS ist immer mehr dazu über­gegangen, kriti­sche Fragen nicht zu beant­worten oder im Zweifels­fall auch schlicht zu lügen. Wir werden also mit einem erhöhten "Rest­risiko" leben, dass es bei solchen Ver­fahren doch einmal zur Katas­trophe kommt.

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Vogelschlag

Vogelschlag

Eine andere Art "gefähr­licher Annähe­rungen" ist die zwischen Flug­zeugen und Vögeln. Dabei kann es zum sog. Vogel­schlag kommen, defi­niert als Zusammen­prall von Vögeln mit Luft­fahr­zeugen. Auf Seiten der Luft­fahrt ent­stehen dadurch welt­weit ein erheb­liche Schäden, die Schät­zungen gehen von über einer Milliarde US-Dollar pro Jahr aus. Die Flug­sicher­heit kann dadurch erheb­lich gefähr­det werden.
Auf Seiten der Vögel sind die Schäden nicht quanti­fiziert, dürften aber erheb­lich sein, da pro Zusammen­treffen viele Vögel beteiligt sein können und dabei in der Regel umkommen oder schwer verletzt werden.

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Quellen: Presseinformationen und Jahresbericht 2023

Der Frank­furter Flug­hafen betreibt schon lange ein sog. Bio­top-Manage­ment, mit dem alle Lebe­wesen vom Flug­hafen­gelände fern­gehal­ten werden sollen, die den Flug­betrieb oder sons­tige Abläufe gefähr­den könnten. Bei Vögeln betrifft das insbe­sondere grössere Arten und solche, die in Schwärmen fliegen. Kleinere Einzel­vögel, die von den Trieb­werken problem­los geschred­dert werden können, werden tole­riert oder sogar als "Bio­indi­kator" miss­braucht.

Das Problem tritt natür­lich gehäuft auf, wenn viele Vögel unter­wegs sind, also zu Zeiten der Vogel­züge im Früh­jahr und im Herbst, und dann, wenn sich die Flug­höhen von Vögeln und Flug­zeugen über­schneiden, also bei Starts und Landungen, zum geringen Teil auch bei den Roll­bewe­gungen auf den Flug­häfen.
Erstaun­licher­weise sind aller­dings die Haupt­opfer bei Vogel­schlag-Ereig­nissen an deut­schen Flug­häfen die Turm­falken, die nahezu die Hälfte aller Opfer stellen, in weitem Abstand gefolgt vom Mäuse­bussard.

Am Frank­furter Flug­hafen wurde Vogel­schlag ein wichtiges Thema im Plan­fest­stellungs­verfahren für die Lande­bahn Nord­west. Ein Orni­tholo­gisches Gut­achten der Ausbau­gegner sagte ein wesent­lich erhöhtes Vogel­schlag-Risiko auf der neuen Bahn voraus.
Fraport präsen­tierte dem­gegen­über Gut­achten, die noch lapidar fest­stellten, dass die Bahn zwar durch einen Wald und direkt neben einem See gebaut werden sollte, die als Vogel­schutz­gebiet ausge­wiesen waren, und es daher da noch viele Vögel gäbe, die aber mit dem Wald ver­schwinden und daher kein Problem dar­stellen würden. Erst später setzte sich die Erkennt­nis durch, dass eine Anflug­linie zur Bahn kurz vorher den Main kreuzen würde und auch da Vögel leben und je nach Jahres­zeit auch in grösseren Schwärmen durch­ziehen.

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"Schutzgebiete" rund um die Nordwest-Landebahn

Letzt­endlich wurde das Problem in der Plan­fest­stellung damit besei­tigt, dass einige Auflagen für Fraport formu­liert wurden, die das Vogel­schlag-Risiko weiter mini­mieren sollten.
Also wurde die neue Bahn Rich­tung See mit einem Vor­hang ver­hängt, und am Main wurde ein Vor­warn­system namens Mivo­therm instal­liert, das mit Hilfe von Wärme­bild­kameras vor Vogel­schwärmen warnen sollte, sofern sie vor­schrifts­mäßig in defi­nierter Höhe den Main entlang flogen.

Perverser Weise blieben die kläg­lichen Über­reste des Kelster­bacher Waldes ein nun in mehrere Teile zer­stück­eltes FFH-Gebiet, und der Mönch­wald­see gehört nach wie vor zu einem Vogel­schutz­gebiet, das auch die Insel an der Edders­heimer Schleuse umfasst (die tat­säch­lich Schutz­funk­tionen für bestimmte Vogel­arten erfüllt).

Landschaftsschutz-Schild

Schutzgebiet am Mönchwaldsee
(Für Text Foto anklicken)

Ob diese Gebiete noch irgend­wie im Sinne der EU-Verord­nung funktio­nieren und auch nur par­tiell noch wichtige Natur­bestand­teile schützen können, ist zumin­dest zweifel­haft. Aber immerhin tragen sie auch zum Ver­graulen bei - und sei es auch nur von uner­wünsch­ten Bade­gästen am See. Und auch einige Fisch­arten scheinen gut zu gedeihen.
Wirklich Ruhe haben die Vögel dort aller­dings trotz­dem nicht immer. So darf Fraport da z.B. üben, ein Flug­zeug, wenn es denn mal von der Bahn abkommen und in den See fallen sollte, wieder heraus­zuholen. Auch andere Übungen fanden dort inzwi­schen statt.

Inwie­weit die Auf­lagen aus dem PFB Wirkung hatten und haben, ist unklar. Das System "Mivo­therm" war von Anfang an um­strit­ten, wurde nie voll­ständig instal­liert, die Weiter­leitung der Daten erfolgte nur selektiv und die statis­tische Erfas­sung war lücken­haft, aber Aufsichts­behörde und Gerichte waren mit allem einver­standen.
Letzt­lich gab der Erfolg ihnen recht: es gab keinen regis­trierten Unfall, und die Zahl der gemel­deten Schäden blieb sowohl im Vergleich zum Parallel­bahn­system als auch zu anderen Flug­häfen eher niedrig. Wie oft Flug­zeuge Vogel­schwärmen ausge­wichen sind und wie­viele Vögel umkamen, wurde nicht erfasst.

Im Jahr 2016 wurde bekannt, dass Fraport das 'Mivo­therm'-System durch ein Radar­system ersetzt hat, das Vogel­bewe­gungen noch schneller und präziser erfassen sollte und ausser­dem in der Unter­haltung und Wartung billiger ist. Über dessen Wirk­sam­keit konnten wir keiner­lei Aussagen mehr finden.
Das Thema ist aus dem öffent­lichen Inter­esse ver­schwunden, da keine spekta­kuläre Ereig­nisse auf­traten und die Zahl der gemel­deten Vogel­schläge auch weiter­hin unter­durch­schnitt­lich blieb.

Plane crash into Hudson River

Einer der drama­tischsten Vogel­schlag-Fälle, der noch glimpf­lich ablief, war der Flug eines Airbus A320, der am 15. Januar 2009 von New York nach Seattle wollte. Sechs Minuten nach dem Start geriet er in einen Schwarm Kanada­gänse, beide Trieb­werke fielen durch Vogel­schlag aus. Der Pilot segelte darauf­hin zum Hudson River und setzte auf dem Wasser auf. Das Flug­zeug konnte komplett evaku­iert werden, ehe es unter­ging. Aber das ist Amerika - der Main wäre für eine solche Aktion nicht breit genug.

(Ironie am Rande: der US-Pilot, Chesley Sullen­berger, wurde für seine fliege­rische Meister­leistung zum National­held, und das Wunder vom Hudson wurde in einem Film verewigt. Dennoch fiel er kurz danach wegen unbot­mäßig-kriti­scher Äusse­rungen bei einem Kongress-Hearing über Arbeits­beding­ungen und Ent­loh­nung sowie Sicher­heits­aspekte in der US-Luft­fahrt in Ungnade. Auch seine Bezüge wurden gekürzt.)

Nicht glimpf­lich ging es Ende Dezember 2024 am Flug­hafen Muan in Süd­korea aus. Eine B737-800 stürzte dort bei der Landung nach einem Vogel­schlag und mög­lichen weite­ren Fehl­funk­tionen oder Fehlern ab, 179 Menschen starben.
Die Maschine war im Lande­anflug in einen Schwarm Baikal­enten geraten, mindes­tens ein Trieb­werk fiel dabei aus. Die Maschine ver­suchte durch­zustarten, war aber nicht mehr hin­rei­chend manö­vrier­fähig und ver­suchte eine Not­landung in Gegen­richtung ohne ausge­fahrenes Fahr­werk. Sie zer­schellte an einem Beton­wall hinter der Lande­bahn. Die behörd­liche Aussage, wonach Piloten­fehler nach dem Vogel­schlag letzt­endlich für das Unglück ver­ant­wort­lich waren, wird von Ange­hörigen bis heute bestritten.

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Technische Mängel, menschliches Versagen

Dann bleibt ja auch noch die Tatsache, dass bei aller Sicher­heit des Luft­verkehrs insge­samt eben doch immer mal wieder Flug­zeuge vom Himmel fallen - ohne sicht­bare äus­sere Ein­wir­kung, aus unter­schied­lich­sten, meist nicht vorher­sag­baren Gründen, aber immer noch bevor­zugt bei Starts oder Landungen. Und je häufiger die Maschinen über die Köpfe fliegen, je häufiger man von über­müdeten Piloten, schlam­piger Wartung und un­vorher­gese­henen Proble­men bei neuen Flug­zeug­typen liest, desto un­ange­nehmer wird das Gefühl.

Und manchmal bleibt es nicht beim Hören­sagen - als am Freitag, den 21.06.2013, gegen 12:45 Uhr ein Flug­zeug mit lautem Geknat­ter und brennen­dem Trieb­werk von Süden auf Raun­heim zuflog und über dem Stadt­gebiet Rich­tung Flug­hafen ab­drehte, da wurde es vielen Beo­bachte­rInnen Angst und Bange. Auch diesmal ging alles gut. Die Maschine, die kurz vorher auf der Start­bahn West gestartet war und ein Trieb­werks­problem bekommen hatte, landete sicher auf der Südbahn.
Trotzdem macht dieser Vorfall eine an sich lange bekannte Tat­sache nochmal sehr deut­lich: wer so kurz vor der Lande­bahn liegt, der wird über­flogen, wenn eine Maschine herunter muss - egal, wie beschädigt sie sein mag. Ehe man ent­scheidet, einen Flieger ins Feld fallen zu lassen und die Insassen zu opfern, wird man ver­suchen, ihn doch noch heil herunter zu bringen - auch wenn man dabei einen Absturz über bewohntem Gebiet ris­kiert. Das ist, bei allem Ver­ständ­nis, kein ange­nehmer Gedanke für die­jeni­gen, die das frag­liche Gebiet bewohnen.

Grafik: Höhenprofile Anflug

Ursache: menschliches Versagen - aber nicht nur.

Und nicht nur tech­nisches, auch mensch­liches Ver­sagen kann schnell zu einer Kata­strophe führen. Die Liste der Bei­spiele dafür ist lang, aber drei Vorkomm­nisse, die sich in den letzten Jahren am Frank­furter Flug­hafen ereig­net haben, ragen heraus.

Der erste Fall war eine Schwere Störung am Neu­jahrs­tag 2020. Der zwei­einhalb Jahre später (!) vorge­legte Unter­such­ungs­bericht der BFU benannte vier Ur­sachen für den Zwischen­fall, die alle­samt auf Fehler der Piloten zurück­zuführen waren. In den Medien wurde dann auch aus­schliess­lich dieser Aspekt kommuni­ziert und der Fall damit zu den Akten gelegt.
Der Unter­suchungs­bericht lieferte aller­dings noch wes­ent­lich mehr - u.a. auch Hinweise auf mensch­liches Ver­sagen auf seiten der Flug­lotsen, aber vor allem auch auf eine tech­nisch völlig unzu­reichende Aus­stat­tung zur Über­wachung der Anflüge.

Die Piloten wurde wohl des­halb nicht recht­zeitig auf ihre Fehler aufmerk­sam gemacht, weil eigent­lich vorhan­dene Über­wachungs­ein­rich­tung ent­weder gar­nicht in Betrieb waren oder ihre Alarme routine­mäßig igno­riert und unter­drückt wurden.
Nach dem Bericht enthielt das für FRA instal­lierte Über­wachungs­system der DFS für den Anflug zwei Kompo­nenten: einen für solche Fälle vorge­sehenen "Approach Path Monitor" (APM), der "dafür konzi­piert [ist], weitere Alarme auszu­geben, sobald das anflie­gende Luft­fahr­zeug einen im System defi­nier­ten Trichter ... seit­lich oder nach unten ver­lässt", der aber bisher nicht "adap­tiert worden [ist], da aufgrund der Nähe der Pisten zuein­ander sowie in der Nähe liegen­der weiterer Flug­plätze (Wies­baden Erben­heim, Mainz Finthen) eine hohe Zahl von Fehl­alarmen zu erwarten sei", mit anderen Worten, weil der Flug­betrieb rund um FRA zu dicht ist.
Das zweite System, "Minimum Safe Alti­tude Warning" (MSAW), ist "gemäß seiner origi­nären Logik nicht für die Über­wachung von Anflügen konzi­piert", sondern warnt gene­rell vor Boden­annähe­rungen und wird daher in Flug­hafen­nähe, wo Landungen nor­maler­weise geplante Boden­annähe­rungen sind, auto­matisch unter­drückt. Es hatte zwar in grös­serer Entfer­nung noch zwei Vorwar­nungen gene­riert, die aber vom zustän­digen Lotsen igno­riert wurden, wohl weil sie optisch den "Short Term Conflict Alert"- oder An­nähe­rungs-War­nungen ähneln, die im über­füllten Frank­furter Luft­raum dauernd als Fehl­alarme gene­riert werden.

Von all dem gelangte aber nur wenig an die brei­tere Öffent­lich­keit, und der BFU-Bericht hatte so lange zur Ver­öffent­lichung gebraucht, dass die DFS der BFU noch kurz vorher (zwei­einviertel Jahre nach dem Zwischen­fall !) mit­teilen konnte, "dass das APM für Anflüge auf den Verkehrs­flug­hafen Frank­furt/Main parame­triert und akti­viert worden sei". Schon wenig später zeigte sich aller­dings, dass damit Fehl­anflüge keines­falls ausge­schlossen werden konnten.

Am Montag, den 03.07.2023, wurde am frühen Vor­mittag ein aus Riga kom­mender A319 beim Anflug auf die Südbahn von den DFS-Lotsen auf die Center­bahn "geswingt", d.h. er sollte noch im End­anflug die Bahn wechseln und auf Sicht auf der neu zuge­wiesenen Bahn landen. Leider haben die Piloten nicht genau hinge­sehen und statt der Lande­bahn den daneben liegen­den Roll­weg ange­flogen. Dort war aller­dings gerade ein A320 unter­wegs, was die Piloten im letzten Moment erkannten und durch­starteten.
Warnungen, dass das Flug­zeug neben der Anflug­route flog, gab es offen­sicht­lich nicht, auch die Lotsen bemerk­ten bis zur Einlei­tung des Durch­start­manö­vers nicht, dass da was schief lief. Dabei war das nicht einmal der erste der­artige Fall: schon 2018 gab es einen ähn­lichen Vor­fall, nur war da nicht der Roll­weg, sondern die Bahn selbst durch eine star­tende Maschine belegt. In beiden Fällen sah die BFU aller­dings keinen Anlass, zu unter­suchen, wieso so etwas möglich war.

Der dritte Fall hatte sich bereits kurz vorher, am 20.06.2023, ereignet, war aber etwas anders gelagert und wirk­lich drama­tisch. Während eines schweren Gewitters am Abend versuchte eine Fracht­maschine aus Amster­dam zu landen, geriet aber in schwere Winde und konnte nur äusserst knapp einen Absturz ver­meiden.
Ein erster Zwischen­bericht der BFU erschien bereits nach gut zwei Monaten und lie­ferte eine genaue tech­nische Beschrei­bung der Abläufe, ent­hielt sich aber jeder Bewer­tung. Immer­hin liess sich daraus ent­nehmen, dass offen­bar kein tech­nisches Ver­sagen vorlag und alle Systeme reibungs­los funktio­niert hatten. Damit ist aber auch klar, dass irgendwo ein "System Mensch" versagt und die kriti­sche Situa­tion herbei­geführt hat. Das können einer­seits die Piloten gewesen sein, die ent­weder die kriti­schen Wetter­verhält­nisse zu spät erkannt oder die notwen­digen Flug­manöver nicht richtig ausge­führt haben - das ist auch die Schluss­folge­rung, die dpa und damit auch nahezu alle Medien aus dem Zwischen­bericht zogen. Oder es waren die DFS-Lotsen, die die Wetter­situa­tion falsch einge­schätzt haben und auch den Lande­betrieb (wie kurz vorher schon den Start­betrieb) hätten ein­stellen müssen.

Der BFU-Abschluss­bericht braucht diesmal wohl etwas länger (zwei­einhalb Jahre sind bereits vorbei), aber er wird wohl besten­falls noch mehr Details zu den tech­nischen Abläufen präsen­tieren und die Frage disku­tieren, ob die Vor­gaben für die Notfall-Proze­duren (die die Piloten ja wohl befolgt haben) modifi­ziert werden müssen oder ob es doch irgendwo Abwei­chungen von diesen Vor­gaben gab. Die DFS wird ver­sichern, dass sie ihre Ent­schei­dungs­struk­turen über­prüft hat und künftig noch mehr dazu bei­tragen wird, solche Situa­tionen zu ver­meiden.
In der Öffent­lich­keit wird das alles nicht mehr Thema sein - erst recht nicht die Frage, ob das Chaos, das Fraport und Luft­hansa mit ihren Spar-Orgien während der COVID-Pan­demie ange­richtet haben, in diesem Sommer dazu geführt hat, dass Sicher­heits­aspekte über­all zurück­stehen mussten, damit der Flug­betrieb trotz Mangel an Personal und Material wieder wachsen konnte - und das auch künftig Profit vor Sicher­heit gehen wird.

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Sonstige Absturz-Gefahren

Und letzt­endlich - es muss ja nicht gleich ein ganzes Flug­zeug herunter fallen, auch Teile davon können Schaden an­richten. Schon seit langem gibt es das Problem des Blue Ice: Eis­brocken, die vermut­lich aus den Toiletten stammen und im Lande­anflug aus nied­riger Höhe noch heil unten an­kommen. Diese Brocken können in seltenen Fällen erheb­liche Schäden am Boden anrichten. In Raun­heim, Flörs­heim und Bischofs­heim sind aus der Ver­gangen­heit Fälle bekannt, in denen Eis­bomben vom Himmel Dächer beschädigt hatten. Noch 2014 wurde in Nieder­josbach ein Eis­brocken gefunden, der nach Fra­port-Angaben zwar nicht von einem Flug­zeug stammte, das in FRA an- oder abge­flogen war, wofür sie aber trotz­dem die Sach­schäden bezahlten.

Heruntergefallene Landeklappe

Ca. fünf mal ein Meter gross und 50 kg schwer
- aber zum Glück "nur" im Wald gelandet.

Spekta­kuläre Fälle eines Absturzes massiver Teile in Rhein-Main waren Lande­klappen, die aus Metall bestehen, ca. 1 m breit, mehrere Meter lang und einige zehn Kilo­gramm schwer sind. Drei Fälle sind doku­mentiert.

Der erste Fall ereig­nete sich am 8. Mai 2009 beim Anflug einer B747-400F auf die Südbahn über dem Frank­furter Stadt­wald und wurde als "Unfall" einge­stuft, da das Flug­zeug durch die abbrech­enden Teile schwer beschädigt wurde. Es konnte aber problem­los landen, und niemand wurde verletzt.
Die wesent­lichen Fakten zu Hergang und Folgen enthält bereits der Status­bericht im BfU-Bulletin vom Mai 2009, aber das heraus­gebroch­ene Teil, ein Stück der Lande­klappe mit den Maßen 4,5 x 1 m, wurde erst am 12.12.2009 "im Frank­furter Stadt­wald, östlich des Flug­hafens im Bereich des Anfluges auf die Lande­bahn 25L, ... durch die Polizei­hub­schrauber­staffel Hessen gefunden". Der Unter­suchungs­bericht wurde auf­grund der Erkennt­nisse aus späteren Fällen noch einmal über­arbeitet und erschien in dieser Form erst 2018.

Der zweite Fall am 8.10.2014 lief sehr ähnlich ab, es handelte sich um den gleichen Flug­zeugtyp und die gleiche Airline (B747-400F der Korean Air), wieder im Anflug aus Osten auf die Südbahn, die Schadens-Details waren aber etwas unter­schied­lich. Aller­dings konnte diesmal der Ablauf direkt beo­bach­tet werden, und die abge­brochene Klappe wurde schon am 14.10. im Frank­furter Stadt­wald gefunden.
Die Unter­suchung der Lande­klappe durch die Bundes­stelle für Flug­unfall­unter­suchungen ergab schnell, dass der Bruch "in einem korro­siven Bereich" erfolgte (BFU-Bulletin, S. 18). Das Flug­­zeug war 12 Jahre alt. Im ab­schlies­senden Unter­such­ungs­bericht, der erst im März 2018 erschienen ist, wird relativ lako­nisch fest­gestellt: "In der Geschichte des Flug­zeug­musters kam es immer mal wieder zu Beschä­digungen bzw. Verlusten von Lande­klappen oder Teilen davon". Als Konse­quenz gab es, ähnlich wie im ersten Bericht, ledig­lich zwei knappe 'Sicher­heits­empfeh­lungen', wonach die Betreiber die Klappen dieses Typs unter­suchen und ggf. aus­tauschen sollten, und der Her­steller die Korro­sions­beständig­keit der betrof­fenen Teile verbes­sern sollte.

Aller­dings war die BFU über die Häufung dieser Vor­komm­nisse bereits damals schon so unge­halten, dass sie in ihrer "Beur­teilung" für ihre Ver­hält­nisse fast schon drastisch formu­lierte:

"Da sich ein Flug­zeug beim Aus­fahren der Lande­klappen in der Regel im Endan­flug auf einen Flug­hafen, und somit oft über Ballungs­räumen befindet, besteht ein erhöhtes Risiko für Dritte. Dass in dem vor­liegen­den Fall, sowie in den voran­gegang­enen Fällen, keine Personen bzw. Gegen­stände geschä­digt wurden, stellt einen Glücks­fall dar. Daher besteht nach Auf­fassung der BFU ein gene­reller Hand­lungs­bedarf zum Ver­bessern der Lande­klappen­halte­rung bei Flug­zeugen dieses Musters."
(BFU-Untersuchungsbericht)

Der dritte, wiederum ähn­liche Fall am 16.09.2018 wurde nur durch eine Meldung des "Avia­tion Herald" publik. Es war wieder ein Frachter vom Typ B747-400, aller­dings eine andere Airline, und diesmal flog er die Südbahn aus Westen über Raun­heim an. Glück­licher­weise hielt die Klappe das Aus­fahren zur Landung noch durch und brach erst beim Auf­setzen auf die Bahn, so dass die Trümmer auch nur dort lande­ten.
Ansonsten waren die Unter­such­ungs­ergeb­nisse wieder recht ähnlich, so dass die BFU die oben zitierte Beur­teilung noch einmal wieder­holte und ergänzte:

"Der vor­liegende Fall war bereits der dritte Lande­klappen­verlust einer Boeing B 747-400F im Anflug auf den Flug­hafen Frank­furt/Main in den letzten 10 Jahren. In den beiden voran­gegang­enen Berichten ... wurde die seit den 1970er Jahren beste­hende Proble­matik bereits ausführ­lich beschrie­ben.
Die Wartung­sauf­zeich­nungen zeigten, dass seit Über­nahme des Flug­zeugs die vorge­schrie­benen Kon­trollen ... durch­geführt wurden. Diese Kon­trollen blieben aber wirkungs­los."
(BFU-Untersuchungsbericht)

Für etwaige weiter­gehende Konse­quenzen verwies sie aller­dings auf die US-amerika­nische Auf­sichts­behörde FAA, die sich eben­falls mit dem Thema befasste. Was dabei heraus­gekommen ist, wissen wir nicht.
Und ganz von allein wird sich das Problem auch nicht so schnell lösen. Im Passa­gier­verkehr wird die B747 zwar all­mäh­lich ausge­mustert, aber Fracht­maschinen haben im allge­meinen die Tendenz, länger im Einsatz zu bleiben.

Im Juni 2018 fand ein Bürger in Mainz-Hechts­heim ein Kunst­stoff­teil in seinem Garten, das offen­sicht­lich auch von einem Flug­zeug stammte. Da der Verlust eines solchen Teils für den Flug­betrieb als nicht sicher­heits-relevant einge­stuft wurde, hat die BfU den Fall nicht unter­sucht - für die Sicher­heit der Bevöl­kerung am Boden ist sie nicht zuständig.
Am 30.07.2018 hat die Bundes­regierung eine Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen, die aus diesem Anlass gestellt wurde, ver­öffent­licht. Darin finden sich auch statis­tische Daten. Danach wurden in Deutsch­land von 2008 bis 2017 57 solcher Fälle im zivilen und 351 im militä­rischen Bereich regis­triert - wobei keines­wegs sicher ist, dass alle Vorfälle erfasst werden. Bisher ist nicht bekannt, dass Mensch oder Tier mal von so einem Teil getroffen wurden - was aber nicht heißt, dass es immer so bleibt.

Auch ein Blick über den Teller­rand zeigt, dass die Probleme durch­aus real sind und häufig genug nur glück­liche Zufälle Schlim­meres verhin­dert haben. So gab es z.B. am 20. Februar 2021 gleich zwei Fälle von massivem Trümmer­regen auf Wohn­gebiete in Flug­hafen­nähe, verur­sacht durch das Versagen eines Trieb­werks beim Start. Passiert ist wie durch ein Wunder fast nichts: eine Frau und ein Kind haben klei­nere Ver­letz­ungen erlitten, und es gab einige Sach­schäden. Beim Blick auf die Bilder kann man sich aller­dings nur wundern (und freuen), dass es keine Toten gegeben hat.

Die Sicher­heits­datenbank SKYbrary enthält einen langen Artikel zum Thema "Luft­taug­lich­keit" (englisch: Air­worthi­ness) inklu­sive einer langen Liste von Bei­spielen, in denen sich unter­schied­lichste Flug­zeug­teile aus ver­schie­densten Gründen als "nicht flug­tauglich" erwiesen haben und häufig genug un­kontrol­liert am Boden gelandet sind. Eine Schadens­bilanz gibt es dazu nicht, aber man kann aus anderen Bei­trägen ent­nehmen, dass sie nicht allzu drama­tisch sein kann.
Beun­ruhigend daran ist aber, dass es neben den erwart­baren Ursachen wie falsche oder fehlende War­tung, vorzei­tige Material­ermüdung etc. auch mächtige techno­logische Trends sind, die zu gehäuf­ten Problemen führen, insbe­sondere immer höhere Leistungen (z.B. bei Trieb­werken) und Gewichts­einspa­rungen. Beides wird von den Flug­gesell­schaften massiv gefor­dert, um Kosten zu sparen, und setzt Flug­zeug-Herstel­ler und Zulie­ferer massiv unter Druck.

Den Trends, aus Profit­gründen Personal, Material und Treib­stoff auch auf Kosten der Sicher­heit einzu­sparen und zu hoffen, dass schon alles gut gehen wird, kann man nur einen Leit­spruch aus einem alten Sicher­heits­hand­buch entgegen halten:

  " If you think safety is expensive, try an accident. "
"Wenn Du denkst, Sicherheit sei teuer, versuchs mal mit einem Unfall"
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Fotos Militärische Notlandungen FRA

Militärische Gefahren

Der Rhein-Main-Flug­hafen war zehn Jahre lang ein reiner Militär­flug­hafen und wurde anschlies­send noch mehr als fünfizig Jahre lang teil­weise militä­risch genutzt. Die Hälfte der dort regis­trierten Abstürze betrafen Militär­maschinen in der Zeit von 1938 bis 1952. Danach wurde offen­bar auch der militä­rische Flug­betrieb sicherer, aber Gefahren gab es sehr wohl noch.

Ob wirk­lich alle Vor­fälle bekannt geworden sind, ist wegen der militä­rischen Geheim­haltung keines­wegs sicher, aber einige spektaku­lärere Fälle von militä­rischen Notlan­dungen liessen sich nicht verheim­lichen.

Im Sommer 1979 liess sich bei der Landung eines Militär­trans­porters vom Typ C5A Galaxy (der größte, über den die US Air Force damals verfügte) das Bugrad nicht aus­fahren. Für die Landung mußte daher ein Schaum­teppich aus­gelegt werden, was offen­bar genügte, um grössere Schäden zu ver­hindern. Da die Rhein-Main Air Base damals noch in vollem Betrieb war, fiel der Fall ausser­halb des Flug­hafens kaum auf.

Das war ganz anders, als im Juni 1994 ein Rock­well B1-Bomber zur Notlan­dung nach Frank­furt umdiri­giert wurde. Die Maschine war auf dem Weg zu einer Flug­schau in England, als die Piloten fest­stellten, dass sich die Schwenk­flügel (ein Charak­teris­tikum dieses Flugzeug­typs) nicht mehr für den Langsam­flug aus­fahren liessen. Für eine Landung im High-Speed-Mo­dus wurde daher eine der längsten über­haupt existie­renden Bahnen ausge­sucht - die Frank­furter Südbahn.

Der Hoch­geschwin­digkeits­anflug dieser mittel­schweren Maschine fiel schon in grosser Entfer­nung als extrem laut auf - aber selbst lärm-ge­wohnte Raun­heimer haben den Endan­flug noch als donnerndes Inferno in Erinne­rung. Der Krach war so extrem, dass die Air Force in den Wochen danach eine Reihe von Versamm­lungen in den betrof­fenen Städten besuchte, um den Vor­fall zu erklären - oder zumindest, um guten Willen zu zeigen, ohne wirk­lich etwas zu sagen.

Die meisten Informa­tionen zu dem Vor­fall wurden erst später bekannt, wie z.B. die Tat­sache, dass bei der Landung die Reifen völlig abra­diert wurden und die glühen­den Felgen Hydrau­liköl in Brand setzten. Aber immer­hin konnte die Maschine noch auf der Bahn zum Still­stand gebracht und der Brand schnell gelöscht werden.
Die Besatzung wurde später für kosten­bewusstes Ver­halten geehrt - dieser Lande­modus wurde offen­bar vom Ober­kommando als so riskant einge­schätzt, dass es schon die Frei­gabe erteilt hatte, mit dem Fall­schirm auszu­steigen und die Maschine ins Meer fallen zu lassen.

Die Unruhe unter der Bevölke­rung war damals nicht nur wegen des extremen Lärms groß, sondern auch, weil bekannt war, dass die B1 als Atom­waffen­träger taug­lich ist - und die Air Force sich wie üblich weigerte, irgend­welche Details über Auftrag und Aus­stat­tung der Maschine bekannt zu geben, obwohl die geplante Flug­schau-Teil­nahme sicher ein gutes Argu­ment dafür war, glaub­haft zu machen, dass keine Atom­waffe an Bord war.

BILDplus-Schlagzeile

Obwohl alle diese Fälle ohne grös­sere Schäden abgingen, machen sie doch deut­lich, dass die Anwohner des Rhein-Main Flug­hafens einem beson­deren Risiko ausge­setzt sind.
Zwar ist die offi­zielle militä­rische Nutzung des Frank­furter Flughafens Ende 2005 beendet worden, aber alle kriti­schen Fälle, bei denen eine längere Lande­bahn von Vorteil sein kann, werden auch künf­tig hierher diri­giert werden - und ob irgend eine Ladung oder Bewaff­nung dafür als zu hohes Risiko ange­sehen würde, ist keines­wegs sicher.

Dies wurde zuletzt am 6.11.2014 deutlich, als ein US-Militär­trans­porter vom Typ Globe­master C-17, der eigent­lich zur US-Base nach Ramstein wollte, mitten in der Nacht nach Frank­furt umge­leitet wurde, weil es Probleme mit den Lande­klappen gab und offen­bar befürch­tet wurde, dass die Lan­dung in Ramstein proble­matisch wer­den könnte (die Bahnen dort sind 3,2 bzw. 2,8 km lang, die Südbahn in Frank­furt dage­gen 4 km, was durch­aus einen Unter­schied machen kann, wenn das Bremsen schwer fällt).
Passiert ist offen­bar nichts. Was hätte pas­sieren können, weiss man nicht - wie üblich wurde nicht bekannt gege­ben, was dieser Trans­porter geladen hatte und welchen Gefahren die Bevöl­kerung hier ausge­setzt wurde.

Erinnerungskreuz und Karte

Es brauchte immerhin mehrere Dutzend Todes­opfer, um eine andere Form der Bedrohung durch militä­rische Aktivi­täten endlich abzu­wehren. Als beim Flugtag­unglück von Frankfurt am Pfingst­sonntag, den 22. Mai 1983, ein kana­discher Düsen­jäger vom Typ F-104 Star­fighter bei einer Flugvor­führung abstürzte und Trümmer sechs Mit­glieder einer Pfarrers­familie töte­ten, erklär­ten der dama­lige Vertei­digungs­minister Wörner und sein Staats­sekretär Würz­bach (beide CDU) noch eis­kalt, dass solche Veran­stal­tungen sicher­heits­politisch not­wendig seien und nicht ver­boten werden könnten.

Erst nach der Katas­trophe bei einer Flug­schau auf der Ramstein Air Base am 28. August 1988, als drei Flug­zeuge einer italie­nischen Kunst­flug­staffel vom Typ Aer­macchi MB-339 kolli­dierten und ab­stürzten und eines davon in die Zuschauer raste, wobei insge­samt 71 Men­schen starben und Tausende ver­letzt wurden, wurde in Deutsch­land ein Verbot militä­rischer Kunst­flug­schauen verhängt.
Die Militärs bestanden aller­dings weiter­hin auf der Notwen­digkeit solcher "Übungen" und haben inzwi­schen auch dieses Verbot schon wieder ver­wässert, auch wenn Zivil­flug­häfen immer noch davon verschont bleiben. Die Hinter­bliebenen kämpfen aller­dings auch noch Jahr­zehnte später mit den Folgen.

Wie die zitier­ten Doku­men­tatio­nen mehr als deut­lich belegen, war und ist für das Militär (in allen betei­ligten NATO-Staaten) Geheim­haltung oberstes Prin­zip, und zivile Stellen haben prak­tisch keinen Einfluss auf die "Bear­beitung" solcher Stör­fälle, weder was die kon­kreten Ret­tungs­maß­nahmen noch was die anschließende Ursachen-Klärung angeht.
Auch deshalb ist die Tat­sache, dass eine militä­rische Nutzung von FRA nach wie vor nicht völlig ausge­schlossen ist, Grund zur Sorge, umso mehr, als im Zuge der "Zeitenwende" militärische Aktivitäten wieder zunehmen, immer mehr bislang zivile Bereiche unterwandern und uns auch regelmäßig Belastungen und Gefahren aussetzen.


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