aktuell

Hier veröffentlichen wir Beiträge zu aktuellen Themen, in der Reihenfolge des Erstellung.
Um aber Themen, die über eine gewisse Zeit aktuell sind, nicht immer wieder neu aufgreifen zu müssen,
wenn es eine Veränderung oder Ergänzung gibt, ist der Aktualisierungsstand gekennzeichnet.

Button Seitenende

Button Startseite

Neue Beiträge, die bei Veränderungen noch aktualisiert werden, haben einen Punkt.   
Beiträge ohne Punkt sind abgeschlossen und werden nicht mehr verändert
(auch Links werden nicht mehr aktualisiert).

Beiträge aus vorangegangenen Jahren befinden sich im Archiv.

Hinweis: In letzter Zeit haben wir Grafiken in der Regel in höherer Auflösung gespeichert, als im Text gezeigt wird.
Grössere Darstellung lassen sich also z.B. ansehen, wenn man nach Rechtsklick "Bild im neuen Tab öffnen" wählt.


Grafik

Grafische Veranschaulichung der Meßsituation in Kelsterbach: Windrichtungsbereich mit Einfluss auf den Flugbetrieb (105°-224°, durchgezogene blaue Linien), Position der Maxima der Partikelanzahlkonzentration (gestrichelte blaue Linien), Entfernungsangaben (grau-weiss punktierte Linien).
(Alle Positions- und Winkel-Daten nach HLNUG-Kurzbericht, Karte: OpenStreetMap [CC-BY-SA 2.0])

29.03.2026

Ultrafeinstaub in Kelsterbach

Es hat fast genau ein Jahr gedauert, bis das HLNUG jetzt den Kurz­bericht "Tempo­räre Luft­schad­stoff­messungen in Kelster­bach" ver­öffent­licht hat. Warum das so lange gebraucht hat, erschliesst sich aus der Lektüre des dünnen Heft­chens nicht.

Die Meß­situation ist recht über­sicht­lich. Der Meß­container war im Süd­osten von Kelster­bach aufge­stellt, die Entfer­nung zur Lande­schwelle der Nordwest­bahn bei West­betrieb (BR25) betrug ca. 1.200 Meter, zum Zentrum des Flug­hafen­geländes rund 2 Kilo­meter. Nörd­lich dieses Geländes führt die viel­befahrene Auto­bahn A3 vorbei, die mini­male Entfer­nung betrug knapp über 1.000 Meter.
An weiteren lokalen Quellen gibt es das Gewerbe­gebiet Tauben­grund mit Logistik-Nieder­lassungen, deren Verkehr aber über­wiegend über die Auto­bahn abge­wickelt wird und daher weit­gehend in deren Beitrag ent­halten ist.

Dieser Beitrag des Strassen­verkehrs ist aller­dings seit langem um­stritten. Im ersten UBA-Projekt, das den Ein­fluss des Frank­furter Flug­hafens auf die UFP-Belas­tung der Region unter­suchen sollte, wurden auch die Beiträge des Strassen­verkehrs model­liert, und danach sollte der Beitrag der Auto­bahn zum Jahres­mittel­wert der Partikel­anzahl­konzen­tration an der Meß­stelle unter 1.000 Partikel pro cm³ liegen.
Wir haben bereits in unseren Anmer­kungen zu einem früheren HLNUG-Bericht darauf hinge­wiesen, dass neuere Unter­suchungen teil­weise ein anderes Bild liefern, und eine umfang­reiche Unter­suchung der Quellen der UFP-Belas­tung in städti­schen Gebieten in Europa kommt zu dem Ergeb­nis, dass auch an städti­schen Hinter­grund­stationen (in diese Kate­gorie gehörte auch die tempo­räre Station in Kelster­bach) Strassen­verkehrs-Emis­sionen im Grössen­bereich 10-50 nm eine Haupt­quelle dar­stellen. In einem gerade erschie­nenen Artikel, der ältere Mes­sungen an der UBA-Station Langen aus­wertet, ist der Satz zu finden: "Es ist zu erwar­ten, dass die Verkehrs­emissionen von Auto­bahnen und Bundes­strassen in weniger als 5 km Entfer­nung die Messungen an der Station beein­flussen." (eigene Über­setzung)
Die Model­lierungs­ergeb­nisse des neuen Projekts SOURCE FFR, die eben­falls Aussagen dazu ent­halten, sind leider noch nicht öffent­lich.

Ausge­wertet wurden die Mess­werte für den Zeit­raum vom 1. Februar 2024 bis 31. Januar 2025. Gemessen wurde in Kelster­bach zwar noch etwas länger (vom 23.01.2024 bis 14.03.2025), aber die Auswer­tung wurde zum Zweck der Vergleich­barkeit mit den tempo­rären Mes­sungen in Offen­bach-Wetter­park einge­schränkt.
HLNUG folgert aus der Wind­rich­tungs­abhängig­keit der Meß­ergeb­nisse inner­halb und ausser­halb der Flug­hafen­betriebs­zeit:

Der "aus­schließ­lich während des Flug­betriebs beobach­tete, beson­ders deut­liche Anstieg der Partikel­anzahl­konzen­tration (particle number concen­tration, PNC) im Wind­richtungs­bereich von ca. 105°–224° wird im Folgen­den als Grund­lage für eine Abschät­zung des Ein­flusses des Flug­betriebs auf die Gesamt­belastung in Kelster­bach genutzt."

Dieser Bereich umfasst im Osten prak­tisch das gesamte Flug­hafen­gelände, im Westen aller­dings nur die Hälfte der Lande­bahn Nord­west, so dass ein mög­licher Einfluss der dor­tigen Lan­dungen bei Ost­betrieb (BR07) also ein Stück weit ver­nach­lässigt wird (der Abroll-Betrieb wird hier komplett erfasst, während er bei BR25, wenn über das west­liche Ende der Bahn und die dor­tige Auto­bahn­brücke abge­rollt wird, teil­weise raus­fällt).

Grafik

Abhängigkeit der Anzahlkonzentration N der Partikel im Grössenbereich 10-30 nm
(in Partikel pro Kubikzentimeter) von der Windrichtung und Kennzeichnung des Windrichtungsbereichs und der Maxima wie in der Grafik oben.

Betrachtet man die Kurve für die Wind­rich­tungs­abhängig­keit für Teil­chen von 10-30 nm, die "für Emis­sionen aus dem Flug­betrieb typisch" sein sollen, etwas genauer, fallen zwei Dinge auf.

Zum einen wird der Wind­rich­tungs­bereich, in dem der Flug­betrieb die Haupt­rolle spielen soll, nicht durch Anstieg bzw. Abfall auf gleiche PNC-Werte beschränkt. Zur Defini­tion dieses Bereichs wurden wieder die frag­würdigen Rechen­spielchen genutzt, die wir bereits in den oben zitier­ten Anmer­kungen kriti­siert hatten. Hier spielt das aller­dings wohl keine grosse Rolle, da der Bereich trotz­dem weit­gehend "das gesamte Flug­hafen­gelände und tief­liegende An- und Abflug­linien" umfasst und (ausser der un­vermeid­baren Auto­bahn) keine anderen rele­vanten Quellen bein­haltet.

Zweitens fällt auf, dass die Vertei­lung der Partikel-Häufig­keiten auf die Wind­rich­tungen nicht symme­trisch ist, sondern neben einem abso­luten Maximum im Bereich um 190° noch zwei weitere, aller­dings wenig ausge­prägte Maxima bei 160° und 130° auf­weist. Über deren Bedeu­tung lässt sich aber auf­grund der vor­liegen­den Daten nicht einmal speku­lieren.
Dagegen liegen im Bereich um 190° gleich mehrere Ein­rich­tungen, die erhöhte Emis­sionen erwarten lassen: Das sind zum ersten der nied­rigste Bereich des End­anflugs und die Lande­schwelle der Nordwest­bahn für Anflüge aus Osten sowie die öst­liche Abroll­brücke über die Auto­bahn, die bei Lan­dungen aus Westen genutzt wird, und der Start­bereich der Start­bahn West, in dem die Bereit­stellung zum Start, der Start­lauf und das Abheben statt­finden. Dort hatte die DLR bereits vor Jahren hohe Par­tikel-Emis­sionen gemes­sen, und vor zwei Jahren wurden auch erste Ergeb­nisse der Mes­sungen an dieser Stelle im Rahmen des Projekts SOURCE FFR präsen­tiert. Aussagen zu deren Verbrei­tung gibt es aller­dings da auch noch nicht.

Für einen Über­blick über die Ergeb­nisse der Messungen haben wir im Folgen­den Aus­sagen von mehreren Stellen des Berichts zusammen­gestellt.
Demnach kommt es an der Meß­station ...

"... während des Flug­betriebs bei Wind aus süd­lichen Rich­tungen zu einem Konzen­trations­anstieg auf im Mittel 21 100 Partikel pro cm³.
Unter anderen meteoro­logischen Beding­ungen ... ist die Belas­tung mit ca. 7 300 Partikeln pro cm³ deut­lich nied­riger."
"Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) hat in ihren aktu­ellen Luft­güte­leit­linien Orien­tierungs­werte zur Einord­nung der Partikel­anzahl­konzen­tration fest­gesetzt. ... Danach wird die Konzen­tration als hoch einge­stuft, wenn ein Stunden­mittel­wert von 20 000 Partikeln pro cm³ oder ein Tages­mittel­wert von 10 000 Parti­keln pro cm³ über­schritten wird. ...
In Kelster­bach wird der Wert [für das Stunden­mittel] ... insge­samt 1285 mal über­schritten. Das entspricht etwa 16 % aller gemes­senen Stunden­mittel­werte. Der Tages­mittel­wert über­schreitet an 179 Tagen (53 % der Mess­tage) den WHO-Orien­tierungs­wert und stellt somit ein schär­feres Krite­rium dar."

Unstreitig ist Kelster­bach also durch Ultra­fein­staub relativ hoch belastet, und ein Groß­teil dieser Belas­tung geht auf den Flug­hafen zurück.

Diese Aussage enthält der Bericht in mehreren Vari­anten, aber darüber hinaus gehende Aus­sagen gibt es nicht. Auch die Ver­gleiche mit den gleich­zeitigen Ergeb­nissen aus Schwan­heim, Offen­bach und Raun­heim dienen nur dazu, diese Tatsache zu unter­streichen.
Im Fall Schwan­heim wird der Vergleich aller­dings auch benutzt, um zu zeigen, dass die Meß­ergeb­nisse an beiden Sta­tionen sehr ähnlich sind. Dafür wird sogar ein bisher nie benutztes statis­tisches Tool aus dem Instru­menten­köffer­chen geholt (eine "ortho­gonale Distanz-Regres­sion") und damit geschluss­folgert:

"Über den gesamten Mess­zeit­raum betrachtet sind die Mess­werte in Frank­furt-Schwan­heim repräsen­tativ für die Mess­werte in Kelster­bach. Somit kann die Belas­tungs­situa­tion in Kelster­bach auch nach Been­digung der tempo­rären Mes­sungen anhand der perma­nenten Mes­sungen in Frank­furt-Schwan­heim hin­reiched genau abge­schätzt werden.
Zudem zeigt die hohe Über­einstim­mung der Konzen­trations­werte an beiden Stand­orten, dass die Luft­schad­stoffe, insbe­sondere die vom Betrieb am Flug­hafen Frank­furt emit­tierten ultra­feinen Par­tikel, ver­gleichs­weise homogen und groß­flächig mit dem mittleren Wind in die Umge­bung trans­portiert werden."
Grafik

Die beiden verglichenen Stationen unterscheiden sich in Richtung und Entfernung zum Flughafen deutlich, je nachdem, wo man den Schwerpunkt der Emissionen vermutet. (Hier dargestellt zwei Beispiele: Zentrum des Flughafengeländes (schwarze Linien), Startbereich 18 West (orange).)
Wie weit die Ähnlichkeit der Belastungswerte wirklich geht und wodurch sie zustande kommt,
wäre genauer zu prüfen.

Den ersten Absatz könnte man als Reaktion auf die Kritik ansehen, die nach Ver­öffent­lichung der Presse­mittei­lung zur Been­digung der Mes­sungen in Kelster­bach geäus­sert wurde. Aber so schön die Vor­stel­lung auch ist, dass Kritik doch noch wirken könnte: das ist kein Bei­spiel dafür. Kriti­siert wurde ja nicht speziell, dass in Kelster­bach nicht mehr gemessen wird, sondern dass die tempo­rären Mes­sungen insge­samt einge­stellt wurden und die teuren Meß­geräte jetzt in irgend­welchen Kellern ver­stauben, anstatt dringend benö­tigte Meß­werte zu liefern.

Der zweite Absatz dagegen ist eine kühne Behaup­tung. Aus einem Ver­gleich der Jahres­mittel­werte zweier Sta­tionen so etwas zu schliessen, insbe­sondere wenn ein paar Sätze vorher noch mitge­teilt wird, dass "beide Stand­orte, wenn auch nicht zeit­gleich, sondern über den reprä­senta­tiven Zeit­raum von einem Jahr hinweg, sehr ähn­lichen Konzen­trations­werten ausge­setzt" sind (ohne die zeit­lichen Diffe­renzen irgend­wie zu beschreiben), erscheint ziemlich gewagt.

Beide Sta­tionen unter­scheiden sich bezüg­lich Rich­tungs­abhängig­keit und/oder Entfer­nung erheb­lich, je nachdem, welche Emis­sions­orte auf dem Flug­hafen man betrach­tet. Wir haben in der Grafik zwei Bei­spiele darge­stellt.
Nimmt man das Zentrum des Flug­hafens, unter­scheiden sich die Entfer­nungen um den Faktor 1,5 und die Rich­tungs­abhängig­keiten um fast 130°, d.h. Wind, der Emis­sionen vom Flug­hafen direkt nach Kelster­bach weht, bringt Luft nach Schwan­heim, die den Flug­hafen garnicht berührt. Betrachtet man dagegen den Start­bereich der Start­bahn 18 West, beträgt der Rich­tungs­unter­schied nur 20°, aber die Entfer­nung nach Schwan­heim ist mehr als drei­mal so gross.

Solche Betrach­tungen sind dem HLNUG aller­dings fremd, denn dort exis­tiert der Flug­hafen nur als (homo­gene?) Quelle, die ent­weder an oder aus ist. Was dort intern pas­siert, wo, wie häufig und in welcher Rich­tung gestartet, gelandet und gerollt wird, soll keine Rolle spielen. Das ist natür­lich ziemlich absurd, wenn man so nahe an einer räum­lich ausge­dehnten, extrem hetero­genen Quelle misst, wie sie der Flug­hafen dar­stellt. Da kann man dann, wenn über­haupt, besten­falls wirk­lich nur noch über Jahres­mittel­werte reden, in denen lange genug über die extrem unter­schied­lichen Betriebs­zustände gemittelt wird.

Für alle, die mehr über den Flug­hafen als Quelle ultra­feiner Par­tikel wissen wollen, muss diese Kelster­bacher Meß­periode aber als Muster­beispiel verpass­ter Gelegen­heiten gelten. Wenn dort, wie der Bericht auf­zeigt, ein enger Zusammen­hang zwischen der Wind­rich­tungs­abhängig­keit der Häufig­keiten der klein­sten Partikel der Grössen­klasse 10-30 nm und der Gesamt­partikel besteht, dann hätte man z.B. mit dem Auf­stellen ein­facher Gesamt­partikel­zähler (von denen die HLNUG noch etliche haben müsste) an weiteren wich­tigen Stellen, z.B. am Stauden­weiher, im Tauben­grund und an der Schweden­schanze (hoch­gelegen, Rich­tung Schwan­heim) eine Unmenge an Aus­sagen über die Ausbrei­tung auch der "flug­hafen-beding­ten" Partikel erfahren können.
Aber auch aus dem jetzt vorhan­denen Daten­satz liessen sich noch eine Menge mehr an Aus­sagen heraus­holen. Man könnte auch im Nach­hinein noch unter­schied­liche Betriebs­zustände bezüg­lich Anzahl und Rich­tungs­abhängig­keit der gemes­senen Partikel ver­gleichen, z.B. wenn auf der Lande­bahn Nord­west aus Osten, aus Westen oder gar­nicht gelandet wird, wenn Starts auf der Start­bahn West statt­finden, und vieles andere mehr. Damit könnte man Hin­weise darauf erhalten, welche Pro­zesse für die Par­tikel-Emis­sionen beson­ders rele­vant sind.

Dass das nicht passiert, kann man natür­lich einfach darauf zurück­führen, dass das HLNUG ein Amt ist, das die Aufgabe hat, die Luft­qualität zum Schutz der Bevölke­rung zu über­wachen, und dazu gehören mit der Umset­zung der über­arbeite­ten EU-Luft­qualitäts­richt­linie bis spätes­tens 2030 auch die ultra­feinen Partikel. Also werden diese Par­tikel an einer mög­lichst für die Belas­tung der Wohn­bevölke­rung repräsen­tativen Stelle ge­mes­sen, und wenn die Meß­werte im bedenk­lichen Bereich liegen, wird eine Warnung ausge­sprochen. Eine Iden­tifizie­rung der Verur­sacher und even­tuelle Maß­nahmen dagegen sind Sache der Politik oder der Staats­anwalt­schaft.

Allerdings hatte das HLNUG noch bis vor wenigen Jahren deut­lich mehr Ambi­tionen gezeigt, und selbst zu den Auswer­tungen der Mes­sungen in Neu-Isen­burg 2024 wurden noch neue statis­tische Methoden zur Identi­fizie­rung der verschie­denen Emis­sions­quellen einge­setzt - wenn auch mit wenig Erfolg. Erst mit dem Roll-back der Luft­rein­halte-Politik durch die schwarz-rote Landes­regie­rung wurden auch die HLNUG-Aktivi­täten dras­tisch zusammen­gestutzt.

Wahrschein­lich muss man ja schon froh sein, dass das HLNUG zumin­dest die in der EU-Richt­linie vorge­sehenen Mes­sungen durch­führen will, obwohl der zustän­dige Minister "noch mehr Personal- und Büro­kratie­aufwand durch neue, erwei­terte Mess­verpflich­tungen" strikt ablehnt und die Richt­linie sofort wieder abschaf­fen möchte, denn sowas "steht allen Bemüh­ungen ent­gegen, Büro­kratie­lasten zu redu­zieren und Deutsch­land wieder wett­bewerbs­fähiger zu machen".
Es wird also künftig keine Mes­sungen wie in Kelster­bach mehr geben, und falls es in Frank­furt wirk­lich auch zu einer schwarz-roten Koali­tion (mit Anhäng­seln) kommt, werden even­tuell auch die städti­schen Meß­stationen abge­schaltet, aber zumin­dest die Stationen in Schwan­heim und Raun­heim haben Aus­sichten, weiter zu laufen. In Zeiten wie diesen muss es wohl als gute Nach­richt gelten, wenn sich die Rück­schritte noch irgend­wie in Grenzen halten.


Button PDF     Button Startseite


Grafik

Die Meßstationen am Berliner BER, die jeweils nur zeitweise in Betrieb waren: alle nahe am Flughafen, alle in der Nähe der An- und Abflug-Linien. Zusätzlich gab es mobile Messungen.
Mit der Drohne "ALADINA" wurden Höhenprofile gemessen.

18.03.2026

Am Berliner BER:

Ultrafeinstaub-Studie abgeschlossen

Es hat mal wieder lange gedauert, aber kürz­lich war es soweit: das UBA hat den Ab­schluss­bericht zu den Ultra­fein­staub-Mes­sungen an den Ber­liner Flug­häfen Tegel (TXL) und "Berlin-Bran­den­burg Inter­natio­nal" (BER) vorge­legt.

Die Messungen wurden in den Jahren 2020-2022 durch­geführt, und in diese Zeit­spanne fielen die COVID-19-Pan­demie, die Schlies­sung des Flug­hafens Tegel und die Eröff­nung des BER.
All diese Ereig­nisse haben natür­lich Ein­fluss auf die Ergeb­nisse gehabt, zum Teil geplant, aber auch, was die Pan­demie betrifft, als er­schwer­ender Faktor. Trotz­dem enthält der Bericht eine Reihe interes­santer Details.

Beson­dere Bedeu­tung erhält das Projekt auch noch da­durch, dass es paral­lel zu einer Studie durch­geführt wurde, die die Wir­kung von Ultra­fein­staub auf Kinder unter­sucht hat, der BEAR-Studie.
Die erste Phase dieser Studie wurde eben­falls schon vor eini­ger Zeit abge­schlos­sen, und erste Ergeb­nisse wurden wäh­rend der "Science Week Berlin" im Novem­ber 2025 vorge­stellt. In einer zweiten Phase ab Ende 2025 sollen die Unter­such­ungen an den Proban­d*innen der ersten Phase wieder­holt werden, um lang­fris­tige Effekte festzu­stellen. Einen Ab­schluss­bericht wird es offen­bar erst nach Abschluss aller Unter­such­ungen geben.

Für die erste Phase dieser Studie konnte ULTRA­FLEB aktu­elle Belas­tungs­daten zur Verfü­gung stellen, ins­be­son­dere auch am Flug­hafen Tegel, wo vor (aller­dings bei schon deut­lich redu­ziertem Flug­betrieb) und nach der Schlies­sung gemes­sen und unter­sucht werden konnte und damit etwa­ige Effekte redu­zier­ter Belas­tungen ermit­telt werden können.
Diese Aktu­alität der Belas­tungs­daten fehlt leider völlig beim Frank­furter Projekt SOURCE FFR, wo die Wirkungs­studie, wenn über­haupt, dann nur noch in grossem zeit­lichen Abstand zu den Messungen durch­geführt werden kann. Dort gibt es laut Projekt-Webseite bis heute nur die relativ unbe­deutende Sekundär­daten­studie, die auf die weit­gehend abge­schlos­sene Belas­tungs­studie nicht wesent­lich Bezug nimmt. Die Studien­teile, die dring­end auf aktu­elle Daten ange­wiesen sind, wurden offen­bar immer noch nicht begon­nen.

Der Einbruch der Zahl der Flug­bewe­gungen während der Pan­demie war auch in Berlin drama­tisch: von beinahe 30.000 Flug­bewe­gungen pro Monat im Sommer 2018 auf weniger als 10.000 im Sommer 2020, als in Tegel gemes­sen wurde, zu weniger als 5.000 bis maximal etwas über 15.000 während der Mes­sungen am BER. (Zum Vergleich: der Frank­furter Flug­hafen ver­zeich­nete im Sommer 2025 über 40.000 Flug­bewe­gungen pro Monat).
Das hatte zur Folge, dass einige von den gefun­denen neuen Ergeb­nissen nicht statis­tisch abge­sichert werden konnten und (anderswo) weiter unter­sucht werden müssen. Auch die Aus­sagen über die Aus­brei­tung von Ultra­fein­staub im Flug­hafen-Umland müssen vor diesem Hinter­grund gesehen werden.

Im Kapitel "Schluss­folge­rungen" des Abschluss­berichts werden die wich­tig­sten Ergeb­nisse der Mes­sungen und der Model­lierungen refe­riert. Die Mes­sungen bestä­tigen einer­seits Bekanntes:

Es gibt aber auch neue Aspekte:

Zu den Model­lierungen ist u.a. zu lesen:

Der letzte Punkt bezieht sich natür­lich auf das Projekt, das vor einigen Jahren am Flug­hafen Frank­furt durch­geführt wurde und nahezu kom­plett geschei­tert ist. Offen­sicht­lich ist es gelungen, die Model­lierung so zu modi­fizie­ren, das wesent­lich bessere Ergeb­nisse erzielt werden konnten.

Dennoch wäre es müssig, hier noch näher auf die Details einzu­gehen. Die noch offen geblie­benen Fragen müssen zwar bei der Bewer­tung der kom­men­den Ergeb­nisse der BEAR-Studie berück­sichtigt werden, sind aber natür­lich auch in die Belas­tungs­studie des Projekts SOURCE FFR einge­gangen, die teil­weise von den gleichen Akteuren durch­geführt wird, und werden dort hoffent­lich zu genau­eren und besser belegten Ergeb­nissen führen.
Umso schlimmer ist es, dass die Wir­kungs­studie von SOURCE FFR derart sabo­tiert wird, dass hier keine Ergeb­nisse über die gesund­heit­lichen Aus­wir­kungen der vor­han­denen UFP-Belas­tungen zu erwarten sind.


Button PDF     Button Startseite


Grafik

Das Lufthansa-Logo für die Feierlichkeiten

25.02.2026

100 Jahre Lufthansa

Dieses Jahr will Luft­hansa feiern. Ein Jubi­läum steht an: vor hundert Jahren, am 6. Januar 1926, wurde die "erste Luft­hansa", damals "Luft Hansa", gegründet, und bereits am 6. April des­selben Jahres führte sie ihren Erst­flug durch.
Lufthansa möchte dieses Jubi­läum gebüh­rend gewürdigt wissen und teilt dazu mit:

"Dieses Jubi­läum ist nicht nur ein Rück­blick auf die Geschichte einer der bekann­testen Marken der Luft­fahrt, sondern auch ein bedeu­tender Schritt in die Zukunft. Es ist eine Würdi­gung des Pionier­geistes, der Inno­vation und der Ver­bindung von Menschen, Kulturen und Volks­wirt­schaften, die Luft­hansa seit einem Jahr­hundert prägt."
Grafik

Das darf auch wieder dazu gehören.

Aber dabei bleibt es nicht, der Anspruch geht noch weiter:

"Die Geschichte der Luft­hansa ist geprägt von Heraus­forde­rungen, Unter­brech­ungen und Neu­anfängen, die die Wider­stands­fähig­keit und den uner­müd­lichen Inno­vations­geist des Unter­nehmens unter Beweis stellen.
Das dunkelste Kapitel in der Geschichte der Luft­hansa war die Zeit des National­sozia­lismus. Die Flug­gesell­schaft wurde Teil des Regimes und spielte in diesem eine aktive Rolle. Luft­hansa nimmt das 100-jährige Grün­dungs­jubi­läum auch zum Anlass, ihre Ver­ant­wortung im Natio­nal­sozia­lismus kritisch zu beleuch­ten und auf Basis histo­rischer Forschung weiter aufzu­arbeiten. In der Betrach­tung ihrer Historie beschränkt sich Luft­hansa nicht auf die Nach­kriegs­kapitel ihrer Geschichte. Die Jahre von der Grün­dung bis zum Nieder­gang der ersten Luft­hansa sind ebenso Teil der Unter­nehmens­geschichte."

Was bedeutet das ?

"Besser spät als nie", könnte man denken. Luft­hansa hat wesent­lich länger gebraucht als viele andere grosse deutsche Unter­nehmen, um sich den "dunkeln Kapiteln" ihrer Ver­gangen­heit zu stellen, selbst Fraport war da deut­lich früher soweit. Die 1953 zunächst als "Aktien­gesell­schaft für Luft­verkehrs­bedarf (LUFTAG)" gegrün­dete und 1954 in "Deutsche Luft­hansa AG" umbe­nannte Gesell­schaft ist aber immer noch nicht bereit, wirklich Ver­antwor­tung zu über­nehmen, denn obwohl in der Zwischen­zeit kaum noch Über­lebende exis­tieren, gilt nach wie vor:

"Mit der Begrün­dung, die Luft­hansa sei nach dem Zweiten Welt­krieg neu gegrün­det worden, bestreitet die heutige Deutsche Luft­hansa AG jed­weden Anspruch gegen das Unter­nehmen auf Ent­schädi­gung und Renten­zahlungen an dama­lige Zwangs­arbeiter. Dessen unge­achtet stellt das heutige Unter­nehmen seinen ersten Linien­flug am 1. April 1955 als „Neu­beginn“ der tradi­tions­reichen Luft­hansa dar und macht sich in diesem Zusammen­hang die tech­nischen Fort­schritte in der deutschen Verkehrs­luft­fahrt vor Grün­dung der heutigen Deutschen Luft­hansa als Unter­nehmens­geschichte zu eigen."
(aus: Wikipedia)

Das schien zunächst nicht weiter ver­wunder­lich, denn die "neue" Luft­hansa hatte als reines Staats­unter­nehmen nicht nur Namen und Logo, sondern, wie viele andere staat­liche Bereiche auch, etliche Führungs­personen aus der alten Nazi-Clique über­nommen. Denen fehlte nicht nur jedes Unrechts­bewusst­sein, sie gingen viel­mehr davon aus, nun unter den Beding­ungen des kalten Krieges den alten Auftrag leicht modi­fiziert weiter aus­führen zu können.
Die FR zitiert dazu den Histo­riker Lutz Budrass, der sagt, es gab ...

"... „eine geradezu extreme perso­nelle Konti­nuität.“ Nur die profi­lier­testen Nazi-Funktio­näre, wie der inhaf­tierte Erhard Milch,werden nicht über­nommen. Ansonsten decken sich die Führungs­etagen der ersten und zweiten Luft­hansa in weiten Teilen – aber nicht ganz: Die jüdi­schen Mit­gründer werden, obwohl etwa der im Exil lebende Erich Schatzki Inter­esse signali­siert hätte, systema­tisch ausge­grenzt. „Es gibt über­haupt kein Unrechts­bewusst­sein“.
(Text: FR, Zitate: L.Budrass)

Was hat sich geändert ?

Ein erster Ansatz des seit 1997 voll­ständig priva­tisier­ten Konzerns, dieses Ver­halten zu ändern, wurde sehr schnell wieder zurück genommen. Anläss­lich des 75jäh­rigen Jubi­läums 2001 hatte Luft­hansa bereits eine Studie zur Beschäf­tigung von Zwangs­arbeitern im Unter­nehmen während der Nazi-Zeit in Auftrag gegeben. Und obwohl diese Studie noch maximal Rück­sicht auf die "Befind­lich­keiten" der Konzern­verant­wort­lichen nahm, war die Reaktion panisch:

"Nach Bekannt­werden erster Forschungs­ergeb­nisse im Rahmen einer von Joachim Wachtel erstell­ten Fest­schrift zum 75. Jahres­tag der Grün­dung der „alten“ Luft­hansa sagte die heutige Deut­sche Luft­hansa AG die zum 6. Januar 2001 geplan­ten Feier­lich­keiten aus Furcht vor Regress­forde­rungen von Über­lebenden des Völker­mords an den europä­ischen Juden ab. Ebenso wenig wurde das Jubiläums­buch ver­öffent­licht. In der weiteren Öffent­lich­keits­arbeit des heutigen Unter­nehmens wurde dann das Jahr 1953 als Gründungs­jahr genannt, ohne aller­dings auf die Pionier­taten der „alten“ Luft­hansa zu ver­zichten, die in die Dar­stel­lung einer harm­losen Unter­nehmens­tradition der heutigen Flug­gesell­schaft Luft­hansa ein­flossen."
(aus: Wikipedia)

Die Fest­schrift wurde erst 15 Jahre später der Öffent­lich­keit zugäng­lich gemacht. Anläss­lich des 90. Gründungs­tages am 6. Januar 2016 wurde sie unter dem Titel "Im Zeichen des Kranichs. Die Geschichte der Luft­hansa von den Anfängen bis 1945" ver­öffent­licht. Die Zwangs­arbeiter-Studie wurde "als Supple­ment bei­gefügt".
Noch 2005 wurde statt­dessen das fünfzig­jährige Jubi­läum seit Wieder­auf­nahme des Luft­verkehrs im Jahr 1955 ohne jeden Bezug zur "ersten Luft­hansa" gefeiert.

Diese Strategie des Ver­schwei­gens war aller­dings nicht mehr lange durch­zuhalten, denn die Rahmen­beding­ungen hatten sich wesent­lich verän­dert. Um das 1945 von den Sieger­mächten verhängte Verbot aller Aktivi­täten in den Bereichen Flugzeug­bau und Luft­verkehr in Deutsch­land wieder auf­weichen zu können, war es not­wendig gewesen, Erzäh­lungen zu eta­blieren, die die Luft­verkehrs­industrie in der Weimarer Republik als eine Initia­tive genialer Erfinder und Tech­niker dar­stellte, die Anfang der 30er Jahre das Welt­niveau bestimmten und sich dann, um die Entwick­lung weiter­treiben zu können, mit den Beding­ungen der Nazi-Herr­schaft arrang­ieren mussten. Für den militär­ischen Miss­brauch und die ver­brecher­ischen Beding­ungen in der Produk­tion sollte ganz über­wiegend die Politik verant­wortlich sein.

Grafik

Die bisher wichtigste Studie zur Geschichte der Lufthansa.

Das gelang von Anfang an nur mit Wider­sprüchen, prägte aber lange Zeit die Standard­werke der Luft­fahrt­geschichte und bis heute die Geschichts­darstel­lung von Firmen wie Airbus zumindest teil­weise.

"Erst seit den 90er Jahren geriet die 1952 geschaf­fene Kombi­nation aus Über­höhung der tech­nischen Leis­tungen bei Leug­nung der indus­triellen Basis von mehreren Seiten unter Druck. ...
In der Wirt­schafts- und Unter­nehmens­geschichte wurde ... immer deut­licher auf die große Bedeu­tung von Messer­schmitt, Heinkel, Junkers und anderen in der national­sozialis­tischen Kriegs­wirt­schaft hinge­wiesen. Vor allem stellten Histo­riker, die sich mit den Opfern der Gewalt­herr­schaft beschäf­tigten, immer häufiger die Frage wie weit die Schöpfer der über­legenen Flug­zeuge sich auf das NS-Regime einge­lassen hatten und für die Ver­brechen verant­wortlich waren, die in ihren Unter­nehmen verübt worden waren."
(L. Budrass, ZfU Bd. 63 Heft 1, 5.3.2018)

Das galt noch stärker für die Luft­hansa, zu deren Rolle in der Weimarer Republik und während der Nazi-Herr­schaft zwischen­zeit­lich wichtige Studien erschie­nen waren. Daraus wurde sehr deut­lich, dass die Grün­dung 1926 durch die wirt­schaft­lich-poli­tischen Macht­eliten, an der Spitze die Deutsche Bank und die Reichs­regierung, erzwungen wurde, um durch die Schaf­fung einer Monopol­gesell­schaft einer­seits die Kosten einer als wirt­schaft­lich wichtig einge­schätzten Tätig­keit mög­lichst gering zu halten, anderer­seits eine effi­ziente Tarnung für die Vorbe­reitung der durch den Versailler Vertrag verbo­tenen Grün­dung einer neuen Luft­waffe zu schaffen.
Dabei wurde auch noch deutlicher als in der Studie von 2001 nachge­wiesen, dass die brutale Ausbeu­tung von Kriegs­gefangenen und KZ-Häft­lingen der Luft­hansa nicht aufge­zwungen wurde, sondern sie selbst sie als wirt­schaft­liche Not­wendig­keit gesehen und massiv for­ciert hat.

Grafik

Bisher noch eine Wundertüte: das neue "Geschichtsbuch" der Lufthansa.

Wie reagiert Lufthansa ?

Wenn CEO Spohr heute offen erklärt, dass die Luft­hansa im Nazi-Reich klar Teil des Systems war, dann bestä­tigt er damit also nur, und auch nur teil­weise, was ohnehin längst nach­gewiesen und nicht mehr zu leugnen ist. Auch die "Furcht vor Regress­forde­rungen von Über­lebenden des Völker­mords an den europä­ischen Juden" oder anderen in den Lufthansa-Werkstätten gequälten Menschen dürfte inzwischen keine Rolle mehr spielen, denn von diesen Personen lebt inzwischen praktisch niemand mehr.
Inwie­weit daraus wenig­stens, wie ange­kündigt, noch "kriti­sches Beleuch­ten und weiteres Auf­arbeiten" der Ver­ant­wortung der Luft­hansa folgt, bleibt abzu­warten. Zweifel sind ange­bracht.

Die bisher vorlie­genden Texte ver­weisen im Wesent­lichen auf eine neue Studie, die im März erscheinen soll. Auf knapp 400 Seiten "zeichnet [sie] erst­mals umfas­send die Entwick­lung der Luft­hansa seit ihrer Grün­dung 1926 nach – von ihren Pionier­zeiten über ihre Rolle in der Zeit des National­sozia­lismus bis hin zum Wieder­auf­schwung nach dem Krieg und ihrem Aufstieg zu einem Global Player der Luft­fahrt", und enthält auch noch "zahl­reiche Abbil­dungen, sel­tene Foto­grafien aus dem Unter­nehmens­archiv, ikoni­schen Vintage-Werbe­materi­alien und interne Doku­mente".
Ange­sichts der Tat­sache, dass die Studien, die sich im Wesent­lichen auf die "erste Luft­hansa" konzen­trieren, schon für sich umfang­reicher sind und weit­gehend auf Bilder­buch-Ein­lagen ver­zichten, ist schwer zu glauben, dass darin fun­dierte neue Aus­sagen zu finden sein werden.

Einen ersten Einblick in den Inhalt dieser neue Studie gibt eine Lese­probe, die eine Einlei­tung der drei wissen­schaft­lichen Autoren, ein Vorwort von CEO Spohr und ein Gruss­wort des Auf­sichts­rats­vor­sitzen­den Kley enthält. In der Einlei­tung findet sich der Satz: " Zwischen 1933 und 1945 bewirkte er [der Staat] die Umwand­lung von Luft­hansa von einem zivilen zu einem Rüstungs­unter­nehmen, das am Ende de facto Teil der deut­schen Luft­waffe war." Mehr ist in der gesamtem Lese­probe zu diesem Thema nicht zu finden.

Es gibt aller­dings bei Lufthansa noch eine Seite, deren Haupt­teil sich liest wie ein Auszug oder eine Zusammen­fassung aus dieser Studie. Da heisst es am Anfang:

"Unmit­telbar nach der Macht­übernahme Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 gelangte Hermann Göring in eine poli­tische Spitzen­position, die auch die Fragen des Luft­verkehrs und der geheimen Auf­rüstung einer Luft­streit­macht umfas­ste. Die eta­blierten engen Bezie­hungen zwischen Luft­hansa und führenden deut­schen Politi­kern, die bereits vor 1933 bestanden, sorgten auch dafür, dass Göring Luft­hansa­vorstand Erhard Milch als Staats­sekretär des Reichs­kommis­sariats für die Luft­fahrt holte ... . Damit war Milch Staats­sekretär, der später für den Aufbau der Luft­waffe zuständig werden sollte. Luft­hansa wurde Teil des NS-Regimes."

Es folgen noch mehrere Absätze zur Betei­ligung der Luft­hansa am Rüstungs­programm des NS-Regimes, den Kriegs­verbrechen und der Beschäf­tigung von Zwangs­arbeitern ("darunter auch Kinder"), Wider­stands­aktionen bei Luft­hansa und Liqui­dation des Unter­nehmens.
Allen Darstel­lungen ist gemeinsam, dass sie nichts Falsches aus­sagen, aber ober­flächlich bleiben und viele wichtige Hinter­gründe über­gehen. Das lässt sich beispiel­haft zeigen an den oben zitier­ten Aus­sagen über Erhard Milch, die sich lesen, als sei da ein Zivi­list aus der Luft­hansa als Experte ins Minis­terium geholt und dort in die Rüstungs- und Kriegs­politik einbe­zogen worden.
Tatsäch­lich war er hoch­dekorierter Kampf­flieger im ersten Welt­krieg, versuchte in der Weimarer Republik para­militä­rische Flieger­truppen aufrecht­zuerhalten, war als Mit­arbeiter der Junckers Flug­zeug­werke an der Vorbe­reitung und Grün­dung der Deut­schen Luft Hansa betei­ligt und dort ein wesent­licher Ver­treter der Kräfte, die mit deren Hilfe die Mili­tarisie­rung der Luft­fahrt voran­treiben und die (noch verbotene) Luft­rüstung heim­lich weiter­treiben wollten. Die Aufnahme in die NSDAP hatte er bereits 1929 bean­tragt, sie wurde aus taktischen Gründen erst Anfang 1933 voll­zogen. Er wurde 1947 wegen "Förde­rung der Zwangs­arbeit und der Aus­beutung von Zwangs­arbeitern" von einem US-Militär­gericht zu lebens­langer Haft verur­teilt, aber schon 1954 vor­zeitig entlassen, durfte aller­dings in der "neuen Luft­hansa" nicht mehr mit­spielen.

Grafik

Die Jubiläums-Kraniche

Für solche Fakten scheint aber in der Luft­hansa-Geschichts­auf­arbei­tung kein Platz zu sein, und erst recht sollen sie die Feier­stim­mung nicht ver­derben.
Was Luft­hansa in diesem Jubi­läums­jahr haupt­säch­lich vorhat, haben sie Anfang des Jahres ange­kündigt:

"Im Jubi­läums­jahr 2026 wird Luft­hansa eine Viel­zahl von Aktivi­täten und Veran­staltungen organi­sieren, um die Geschichte und die Zukunft ... des Luft­fahrt­konzerns zu würdigen. Dazu gehören eine perma­nente Aus­stellung im Luft­hansa Group Hangar One, beson­dere Veran­staltungen, ein Geschichts­buch, Film- und Video-Produk­tionen, Mit­arbeiter­feste, Kunden-Events sowie Marke­ting- und Produkt­aktionen."

Auch ein paar Sonder­lackie­rungen werden noch für abseh­bare Zeit unter­wegs sein, und die Marken­geschichte wird auf­gepeppt. Ansons­ten macht der gesamte LH-Auf­tritt deut­lich, dass nichts die Feiern stören soll, weder die Verbrechen der "ersten Lufthansa" noch die Konflikte der späteren Geschichte.


Was hat sich nicht geändert ?

Es deutet praktisch nichts darauf hin, dass Luft­hansa ernst­haft Verant­wortung für ihre Ver­brechen in der Ver­gangen­heit über­nehmen will. Die Dar­stel­lung ihrer Geschichte wird nur soweit ange­passt wie unbe­dingt nötig, und die "dunklen Seiten" werden auf die 12 Jahre der Nazi-Herr­schaft von 1933 - 1945 beschränkt, wo sie sich unter Zwang an den Ver­brechen anderer betei­ligte.
Ansonsten wird die Darstel­lung ihrer Leis­tungen eher noch stärker über­trieben: sie sieht ihre Gründung als "Grund­stein für eine Erfolgs­geschichte der inter­natio­nalen Luft­fahrt, die bis heute an­dauert", feiert ihren "beson­deren Spirit, der durch Pionier­geist, Leiden­schaft für das Fliegen und Premium­anspruch geprägt ist" und sieht "Luft­hansa" als "Name, der seit Genera­tionen und über Konti­nente hinweg den Traum vom Fliegen und die Sehn­sucht nach Ferne in sich trägt". Derar­tige Euphe­mismen kenn­zeichnen auch das Auf­treten ihrer führen­den Reprä­sen­tanten.

Der Vorstands­vorsitzende Carsten Spohr gibt sich gerne welt­offen und tech­nisch pro­gressiv, ist aber auch Träger des Ordens der konser­vativ-reaktio­nären St. Georgs-Ritter, deren Welt­bild und Werte-Kanon von Idealen aus dem vor-vorigen Jahr­hundert bestimmt wird. Er redet oft von Nach­haltig­keit, managt aber eine Fossil-Flotte, deren Emis­sionen an Lärm, Schad­stoffen und Treib­haus­gasen alle lokalen und globalen Belas­tungs­grenzen sprengen, und erklärt auch noch unbe­kümmert, dass sich daran auf abseh­bare Zeit nichts ändern soll und wird.
Grösster Aktionär der Luft­hansa AG ist Klaus-Michael Kühne, Erbe eines Mil­liar­den-Ver­mögens, das durch Kolla­boration mit dem Nazi-Regime seit 1933, Dieb­stahl jüdi­schen Eigen­tums im grossen Stil und Rüstungs­aufträge zusammen­gestohlen wurde, was er gerne ver­tuschen würde. Haupt­beruf­lich führt er heute noch den daraus entstan­denen globalen fossilen Logis­tik-Konzern, der eben­falls massiv zur Klima­schädi­gung beiträgt.

Grafik

DLH "turned around"

Und natür­lich geht auch im Jubi­läums­jahr der Normal­betrieb bei Luft­hansa weiter. Selbst extrem luft­fahrt-freund­liche Platt­formen weisen auf Umbrüche hin, die so garnicht zu den Jubi­läums­bot­schaften einer "gemein­samen Reise" passen. Im Kosten­senkungs-Pro­gramm "Turn­around" sollen weitere 4.000 Stellen einge­spart werden, nachdem CEO Spohr schon 2017 für brutale Konso­lidie­rungs­politik zum Manager des Jahres gewählt wurde und mit dem radi­kalen Personal­abbau während der COVID-Pan­demie sein Meister­stück gelie­fert hat.
Den verblie­benen Beleg­schafts­mitglie­dern wird nach­drück­lich deutlich gemacht, dass die Siche­rung der Divi­dende der Anteils­eigner Prio­rität hat und sie dafür, dass sie ihre Arbeits­plätze behalten dürfen, Opfer bringen und mindes­tens auf Lohn­zuwächse ver­zichten müssen.

Auch die Bezieh­ungen zum Militär haben ja spätes­tens seit der Zeiten­wende nichts Anrüch­iges mehr. Daher kann Luft­hansa im neuesten Politik­brief stolz verkün­den

"Die Luft­hansa Group und die Bundes­wehr verbindet eine lang­jährige Partner­schaft. Nun vertieft der Konzern die Zusammen­arbeit ... Damit leistet Luft­hansa einen Beitrag zur sicher­heits­politi­schen Zeiten­wende und Ver­teidi­gungs­fähig­keit Deutsch­lands und Europas.
Seit der Gründung der Bundes­republik steht die Luft­hansa Group der Bundes­wehr verläss­lich zur Seite. Zuneh­mend unter­stützt das Unter­nehmen die Streit­kräfte auch dort, wo Einsatz­fähig­keit konkret ent­steht: bei der Einfüh­rung neuer flie­gender Systeme, in der War­tung und Instand­haltung sowie in der Aus­bildung des flie­genden und tech­nischen Perso­nals."

Auch hier wird also an alte Traditionen angeknüpft. Ange­sichts der Tat­sache, dass die Bundes­republik 1949 gegrün­det wurde, die "neue Luft­hansa" aber erst 1953, könnte man sich natür­lich fragen, wie das in den Jahren dazwi­schen funktio­niert hat, aber wir wollen ja nicht klein­lich sein. Die Herren, die bis 1945 die "erste Luft­hansa" gemanagt und 1953 die "neue" gegrün­det haben, sind in den Jahren dazwi­schen auch schon staats­tragenden Tätig­keiten nachge­gangen.
Auch die Bundes­wehr wurde ja erst 1955 gegrün­det, aber die plane­rischen und struktu­rellen Vorar­beiten wurden von den Vertre­tern der alten Wehr­macht schon viel früher betrie­ben und sind spätes­tens seit 1950 akten­kundig. Gleicher­maßen waren die nicht inhaf­tierten Repräsen­tanten der "ersten Luft­hansa" bei deren Liqui­dation 1951 längst damit beschäf­tigt, die Nach­folge-Organi­sation vorzu­bereiten. Und man kannte sich ja schliess­lich von der früheren Zusammen­arbeit.


"Rote Fäden" der Lufthansa-Geschichte

In der schon erwähnten Einlei­tung zum neuen "Geschichts­buch" der LH beschrei­ben die drei wissen­schaft­lichen Autoren, dass in ihrer Darstel­lung "Themen­stränge die Luft­hansa Geschichte wie ein roter Faden" durch­ziehen, sie bennenen dazu "das Verhält­nis zum Staat", "den tech­nischen Fort­schritt" und "wieder­kehrende Krisen".
Eine kritische Darstel­lung könnte das ersetzen durch "Staats­abhängig­keit", "euphe­mistische Erzäh­lungen" und "Varian­ten der Aus­beutung".

Staatsabhängigkeit

Anders als andere Industrie­bereiche war die Luft­fahrt nicht nur in ihrer Ent­stehungs­phase wesent­lich vom Staat ab­hängig, sondern hat bis heute ein beson­deres, im Laufe der Geschichte vari­ierendes, aber immer inten­sives Verhält­nis zum Staat behal­ten. Das gilt sowohl für Entwick­lung und Bau des jewei­ligen Flug­geräts als auch für den Betrieb und damit auch für die Flug­gesell­schaften.
Auf staat­lichen Druck gegründet, wirt­schaft­lich völlig abhängig von den Sub­ven­tionen durch die öffent­liche Hand (Reich, Länder und Kommu­nen) und für verschie­denste Zwecke instru­mentali­siert, galt das, inzwi­schen weit­gehend unbe­stritten, für die gesamte Existenz der "ersten Luft­hansa". Aber auch die "neue Luft­hansa" war nicht nur eine staat­liche Grün­dung, viele Jahre im Besitz des Bundes und des Landes NRW und mit einem staat­lichen Quasi-Monopol für den Luft­verkehr in Deutsch­land ausge­stattet. Auch nach der angeb­lich "voll­ständigen Libe­rali­sierung" des Luft­verkehrs in Europa in den neun­ziger Jahren blieb sie in viel­fälti­ger Weise auf staat­lichen Schutz (durch Zulas­sungs­beschrän­kungen, Luft­verkehrs­abkommen u.ä.) und eine Viel­zahl von offenen und ver­steck­ten Sub­ven­tionen ange­wiesen.

Grafik

Auch bei der Bewälti­gung der "wieder­kehren­den Krisen" musste der Staat in jeweils unter­schied­lichem Ausmaß mit­helfen, am deut­lich­sten während der Corona-Pan­demie 2020/21, als der Bund umfang­reiche Kredite zur Verfü­gung stellte und vorüber­gehend sogar wieder Mit­eigen­tümer wurde, ohne aller­dings irgendwie in das Krisen­manage­ment des Konzerns einzu­greifen. Ein solcher Ein­griff wäre aller­dings nicht nur berech­tigt, sondern im öffent­lichen Inter­esse in mehr­facher Hin­sicht not­wendig gewesen.
Nicht nur blieb die Reak­tion der Luft­hansa (und der gesamten Luft­verkehrs­wirt­schaft) bei Ausbruch der Pan­demie weit hinter dem zurück, was aus wissen­schaft­licher Sicht not­wendig gewesen wäre, auch die aufge­worfenen sozialen und wirt­schaft­lichen Probleme hätten dringend poli­tischer Steue­rung bedurft. Tatsäch­lich aber wurden die Krisen­lösungen, wie in den meisten anderen Fällen auch, rein nach betriebs­wirt­schaft­lichen Krite­rien bestimmt und auf dem Rücken der Beschäf­tigten und der Kund*innen durch­gesetzt.

Und auch die grösste und existenz­bedrohend­ste Krise nicht nur für Luft­hansa, sondern für die gesamte Luft­fahrt und die Mensch­heit insge­samt, wird ohne massive staat­liche Inter­ventionen nicht gelöst werden können.
Es ist in den letzten Jahren immer deut­licher geworden, dass die Luft­verkehrs­wirt­schaft nicht nur ihren selbst propa­gierten Beitrag zur Eindäm­mung der Klima­kata­strophe nicht leisten kann, sondern auch mit der Anpas­sung an die bereits auf­treten­den Klima­schäden über­fordert ist. Nicht einmal die Bereit­stellung der lange geplan­ten geringen Anteile von sog. "nach­haltigen Treib­stoffen" aus Bio­masse haben sie in aus­reichen­dem Umfang organi­sieren können.
Sollte jemals so etwas wie ein nach­haltiger Luft­verkehr auf der Basis nicht oder nur wenig klima­schäd­licher Antriebe zustande kommen, werden die not­wen­digen For­schungen und der Aufbau von Infra­strukturen von der öffent­lichen Hand organi­siert werden müssen.

Euphemistische Erzählungen

Solche Erzäh­lungen wurden immer genutzt, um die beson­dere Rolle der Luft­fahrt im Ver­gleich mit anderen Wirt­schafts­zweigen hervor­zuheben und sie mit Mythen von unbe­grenztem Fort­schritt und grenzen­loser Frei­heit zu verbinden. Insbe­sondere in Deutsch­land wurden und werden sie auch gerne natio­nalis­tisch über­höht und mit Thesen von genialer deut­scher Ingenieurs­kunst, Welt­geltung der deut­schen Luft­fahrt u.ä. ver­knüpft.
Davon sind auch die aktu­ellen Luft­hansa-Materi­alien nicht frei, auch wenn sich Luft­hansa im Allge­meinen gerne als "Global Player" und "grösste europä­ische Airline" präsen­tiert.

Diese Erzäh­lungen stehen häufig in krassem Gegen­satz zur Reali­tät. So spricht Luft­hansa wieder­kehrend von "Pionier­geist" und "Inno­vation" und vermerkt bereits für das Jahr 2010 "die größte Flotten­moderni­sierung ihrer Geschichte – leiser, weiter, effi­zienter", betreibt aber bis heute eine weit­gehend veral­tete Flotte, die z.B. im atmos­fair Airline Index 2025 auf Platz 100 von 123 bewer­teten Air­lines landet und gerade eben noch "Effi­zienz­klasse D" (analog den EU-Effizienz­klassen A-G) erreicht. Hinter der auf Hoch­glanz polier­ten Fassade verbirgt sich eine Welt, die auch für viele unmit­telbar Betei­ligte nur Hektik, Chaos, Stress und gesund­heit­liche Belas­tungen bringt, während die Umge­bung extrem ver­lärmt und ver­dreckt wird.
Ebenso wird die wirt­schaft­liche Bedeu­tung der Luft­fahrt völlig über­höht. Es wird die "Verbin­dung von Menschen, Kulturen und Volks­wirt­schaften" gefeiert und die Bedeu­tung der "Konnek­tivität" für die lokale Wirt­schaft betont, obwohl die allge­mein eine zuneh­mend geringere Rolle spielt und ein immer grösserer Teil der Flüge nur noch für die Touris­mus-Indus­trie rele­vant ist.

Grafik

Hier erkennt man zumindest, dass Elemente eingefügt wurden.

Auf den Jubi­läums-Web­seiten gibt es weitere Merk­würdig­keiten. So taucht auf Seiten mit Bildern aus der Luft­hansa-Geschichte ganz unten der Satz auf: "*Dieses Bild wurde unter anderem mittels künst­licher Intel­ligenz bear­beitet und verändert. Die Bear­beitung erfolgte, um den Inhalt an zeit­gemäße ethische und visu­elle Anfor­derungen anzu­passen." Es ist oft nicht einfach, heraus­zufinden, auf welche der zahl­reichen Bilder er sich beziehen soll und was da bear­beitet worden sein könnte.
Ein Bild, das mit einem entspre­chenden Stern­chen markiert ist, besteht aus drei Ele­menten, die anderswo auch einzeln auf­tauchen, ohne dass sie eine Markie­rung tragen und ohne dass Unter­schiede zu erkennen wären. Andere tragen etwas, was wie ein Stern­chen aussieht, sich aber bei ganz genauem Hin­sehen als das Logo des Luft­hansa-Partner­netz­werks "Star Alliance" entpuppt.
Die im Januar gestar­tete Kampagne 100 Jahre Marken­geschichte soll "nicht ... klassi­sche Rück­schau, sondern .. emotio­nal insze­nierte Zeit­reise durch die Jahr­zehnte" sein. Sie "über­setzt 100 Jahre Marken­geschichte in eine moderne Bilder­welt und macht die beson­dere Ver­gangen­heit groß­flächig erleb­bar. Die histo­rischen Motive wurden von der Agentur Service­plan weiter­entwickelt."

All das bedeutet wohl, dass selbst die früheren Dar­stel­lungen der Luft­fahrt-Traum­welten gnaden­los "nach­bear­beitet" und "weiter­ent­wickelt" werden, ohne das im Detail kennt­lich zu machen. Manch­mal scheint nur das aktu­elle 100-Jahre-Logo und eine Fuss­note einge­fügt zu sein, aber was könnte "an zeit­gemäße ethische Anfor­derungen ange­passt" worden sein ? Die Bademoden sind es wohl eher nicht.
Offensichtlich ist das egal, es kommt nur darauf an, das die Darstellungen die heute gewünsch­ten Bilder und Visionen ver­mitteln. Und warum auch nicht? Um histo­rische Korrekt­heit geht es hier nir­gendwo, und mit der Reali­tät haben diese Dar­stel­lungen damals wie heute wenig bis nichts zu tun.

Varianten der Ausbeutung

In den Jubi­läums­materialien der Luft­hansa ist oft von der "Luft­hansa Familie" die Rede, die "zusammen hält", von "Luft­hanse­at:innen, ... die ein beson­derer Spirit, der durch Pionier­geist, Leiden­schaft für das Fliegen und Premium­anspruch geprägt ist", ver­bindet. Die Reali­tät erinnert eher an eine patriar­chalische Familie, in der die meisten sich anpassen müssen oder ausge­schlossen werden.

Wir wissen wenig über die Arbeits­beding­ungen in der Luft­fahrt­industrie zu Zeiten der Gründung der ersten Luft­hansa, aber man kann wohl davon aus­gehen, dass sie im Bereich der Flug­zeug-Produk­tion vergleich­bar waren den Beding­ungen im sonstigen Maschi­nenbau oder Fahr­zeugbau. Das flie­gende Personal, insbe­sondere die Piloten, dürfte auch damals schon eher privi­legiert gewesen sein.
Das änderte sich natür­lich unter den Beding­ungen der Kriegs­wirt­schaft, in der die meisten Piloten für Kampf­einsätze heran­gezogen wurden und die Luft­hansa als Konzern sich neben einigen wenigen Zubringer­diensten auf die Wartung und Repa­ratur des flie­genden Geräts konzen­trieren musste. Die Personal-Zusammen­setzung in den Werk­stätten änderte sich dabei sehr drastisch:

"Viele Flug­zeuge und Besat­zungen werden an die Luft­waffe abge­geben. ... Ab 1940 arbeiten Zwangs­arbei­tende in großer Zahl in den Werk­stätten der Luft­hansa und halten den Betrieb im Krieg am Laufen. ... Auf dem Höhe­punkt arbeiten bei der Luft­hansa etwa 10 000 auslän­dische Arbeiter.
Eine Besonder­heit der Luft­hansa: Sie ist selbst in der Lage Zwangs­arbei­tende zu rekru­tieren. ... Das Unter­nehmen beschäf­tigt viele Kinder und Jugend­liche. ... „So ein Flug­zeug hat sehr ent­legene Ecken. ... Es braucht kleine Hände, die dort die schar­tigen Schuss­löcher wieder hin­kriegen.“ ... Erst am Schluss stellen die wenigen verblie­benen deut­schen Fach­arbeiter die letzten Repa­ratur­schritte fertig. „Alles darunter machen die Zwangs­arbeiter.“ ... „Die Perspek­tive ist ab 1936: Wir arbeiten für die Zeit nach dem Krieg und das heißt, wir müssen Geld sparen“ ... Im Umkehr­schluss habe das Unter­nehmen wenig Geld in die Versor­gung von Zwangs­arbei­tenden inves­tiert. Ihre Versor­gungs­lage sei bei der Luft­hansa im Ver­gleich zu anderen Unter­nehmen schlechter gewesen."
(Text: FR, Zitate: L.Budrass)

Die "neue Lufthansa" beginnt unter ganz anderen Beding­ungen. Sie konzen­triert sich zunächst auf den Flug­betrieb mit im Aus­land einge­kauftem Gerät und hat mit Repa­ratur und Wartung zunächst nur intern zu tun. Als staat­licher Betrieb garan­tiert sie der Zeit entspre­chende Arbeits­beding­ungen, wobei die Hierar­chien steiler werden. Die Piloten sind privi­legiert und erzielen zuneh­mend höhere Gehälter und bessere Alters­versor­gung, aber auch die Beding­ungen für das Kabinen­personal ent­wickeln sich eher über­durch­schnitt­lich.
Mit der Zeit erweitern sich die Tätig­keits­bereiche wieder, eine eigen­ständige Technik-Abtei­lung und eine eigene Fracht­sparte ent­stehen, auch das Catering wird zuneh­mend in Eigen­regie durch­geführt. Vor allem aber spielen mit zuneh­mendem Massen­verkehr die Boden­verkehrs­dienste (formal die Boden­abfer­tigungs­dienste) eine zuneh­mende Rolle.

Im Zuge der Privati­sierung verschärft sich aber der Kosten­druck wieder, es wird umstruk­turiert und verschie­dene Strukturen zum Zweck der Perso­nal­kosten-Ein­spar­ung ausge­gründet und Tätig­keits­bereiche 'outge­sourced'. Der poli­tisch for­cierte Kon­kurrenz­druck strapa­ziert den Familien­sinn.
Mehrere Studie zeigen, was das für Folgen für Arbeits­beding­ungen, Arbeits­sicher­heit und Ein­kommens­situation der Flug­hafen­beschäf­tigten, des Kabinen­perso­nals und (schwer­punkt­mäßig) der Boden­verkehrs­dienste hat. Aktuell werden die Umstruk­turier­ungen genutzt, um auch die letzten Privi­legien der Piloten in der Kern­gesell­schaft weiter zu schleifen. Auch im Jubi­läums­jahr herrscht richtig Zoff in der Familie.

Der "Rote Faden" besteht hier also darin, dass Luft­hansa die Lufthanse­at:innen immer soweit aus­beutet, wie es die gesell­schaft­lichen Verhält­nisse gerade zulas­sen oder (aus LH-Sicht) erfor­dern. Wenn ausnahms­weise Zwangs- und Kinder­arbeit möglich oder not­wendig sind, werden sie genutzt, ansons­ten werden die Kosten­struk­turen durch Lohn­drückerei und Stellen­abbau "opti­miert", soweit es den Betrieb nicht ernst­haft gefähr­det - 100 Jahre normales kapi­talis­tisches Manage­ment.


Fazit

Grafik

Zumindest in der Propaganda startet Lufthansa steil durch

Nach den bisher vorlie­genden Materi­alien entsteht sehr deut­lich der Ein­druck, dass Luft­hansa das ausge­rufene Jubi­läums­jahr aus­schliess­lich dazu nutzen will, ihr Image aufzu­polieren. Frühere Igno­ranz und Ver­drängung wird gerade soweit zurück genommen, wie es not­wendig ist, um in weiten Teilen der wenig infor­mierten Öffent­lich­keit glaub­würdig zu bleiben, und Trans­parenz wird einfach auch da behaup­tet, wo Ver­schleie­rung und Ver­tuschung unver­mindert weiter gehen.

Der Schwer­punkt der Feier­lich­keiten liegt konse­quenter Weise nicht auf der Gründung des Unter­nehmens am 6. Januar 1926 und dessen weiterer Entwick­lung, sondern auf dem "Beginn der Reise" mit dem Erst­flug am 6. April 1926, deren Fort­setzung dann als eine Geschichte von Erfol­gen und immer neuen Höchst­leist­ungen erzählt werden soll - kleine Rück­schläge inbe­griffen.
Das Ganze wird als grosse Show insze­niert, die das Publikum unter­halten und begeis­tern soll. Selbst wo es um tech­nische Aspekte wie Flug­zeug-Entwick­lung, Strecken­netze o.ä. geht, bleibt die Dar­stel­lung ober­fläch­lich oder konzen­triert sich auf Luxus-Details, die den Status als "Premium-Airline" unter­mauern sollen. Kampagnen zur "Marken­entwick­lung" konzen­trieren sich auf Äusser­lich­keiten wie Werbe­plakate, Verände­rungen am Logo und neue Lackie­rungen.

Eine abschlies­sende Beurtei­lung ist natür­lich frühes­tens im April möglich, wenn der geplante "Höhe­punkt" des Jubi­läums­jahres vorüber ist und das neue "Geschichts­buch" vor­liegt, aber bisher deutet nichts darauf hin, dass inhalt­lich noch etwas wesent­lich anderes zu erwarten wäre. Ein paar Alt­lasten werden abge­räumt und eine über­wiegend vir­tuelle, schöne neue Welt konstru­iert, die mit der Realität nur wenige Berüh­rungs­punkte hat. Im Hinter­grund läuft das normale Geschäft weiter.
Für alle, die begrün­dete Kritik an diesem "normalen Geschäft" haben, sollte damit auch klar sein, dass es zwar mehr als genug Anlass und Mög­lich­keit gibt, die Luft­hansa-Werbe­show zu diskre­ditieren und ihre fort­gesetzte Heuche­lei und Geschichts­fälschung zu ent­larven, es im Kern aber immer und haupt­säch­lich darum gehen muss, ihre aktu­elle Geschäfts­politik ins Zentrum der Kritik zu rücken und zu zeigen, wohin die Reise der Luft­hansa wirk­lich führen soll.

Sie sind zwar von den Abscheu­lich­keiten und Brutali­täten ihrer finster­sten Ver­gangen­heit weit entfernt, aber dennoch ist ihr aktu­elles Streben nach grenzen­losem Wachstum ihres klima­zerstö­renden und gesund­heits- und umwelt­belastenden Geschäfts auch ein Ver­brechen an der Mensch­heit, deren Über­leben davon abhängt, dass die Klima­kata­strophe einge­dämmt und der globale Tempe­ratur­anstieg in Grenzen gehalten werden kann.
Um dem ent­gegen zu wirken, müssten ihren Propa­ganda-Auf­tritten die folgenden Argu­mente und Forde­rungen entgegen­gesetzt werden:

Wenn es gelänge, sie bei ihren öffent­lichen Show-Auf­tritten damit zu konfron­tieren und deut­lich zu machen, dass ihre schöne neue Welt ein Luft­schloss ist, das beim Platzen die Trümmer­land­schaft ent­hüllen würde, in die ihre Aktivi­täten wirk­lich führen, dann hätte dieses Jubi­läums­jahr doch noch eine nütz­liche Funktion.


Button PDF     Button Startseite


Grafik

Auch 2026 werden die Aus­einander­setzungen unver­ändert weiter­gehen.

16.01.2026

Neues Jahr, alte Probleme

Das gilt nicht zwingend für die Politik im Allge­meinen, wo die Probleme zwar auch die alten sind, aber die Konflikte teil­weise in neuen Dimen­sionen eska­lieren. Aber es gilt im Bereich der hiesigen Politik der Bundes­regierung und der hessi­schen Landes­regierung, zumin­dest soweit sie den Schutz von Gesund­heit, Umwelt und Klima und den Luft­verkehr betrifft.

Auf Landes­ebene beginnt das Jahr zum Beispiel mit einem hessi­schen Verkehrs­minister, der seine Staats­sekre­tärin Ende letzten Jahres zu einem sechs­stündigen Party-Flug der Condor nach Wien und zurück geschickt hat und das auf eine Anfrage der Grünen im Landtag hin mit den Worten vertei­digt:
"Solche Termine sind Ausdruck von Respekt und partner­schaft­lichem Aus­tausch, sowie von aktivem Inter­esse an der Zukunft dieser Schlüssel­branche", denn "die Landes­regierung lege den Fokus wieder stärker auf die Luft­fahrt". Die Reise habe "einen klaren wirt­schafts- und standort­politi­schen Bezug".

Grafik

Staatssekretärin Fröhlich ...

Grafik

... Minister auch.

Statt die höchste Party der Welt eines reinen Ferien­fliegers, der dabei auch noch Green­washing übel­ster Art betreibt (man habe "im Rahmen der Beschaf­fung von Sustain­able Aviation Fuel eine zusätz­liche Menge, die einer 50-prozen­tigen Bei­misch­ung für den Ab­schieds­flug ent­sprach, beschafft", natür­lich Bio­sprit), als klima­politi­sche Per­ver­sion zu ver­urtei­len, spielt die Landes­regie­rung eifrig mit - was nieman­den über­raschen kann.
Sie wird ihre ver­bind­lichen Klima­ziele ohne­hin ver­fehlen, über­schlägt sich auch sonst in ihrer Unter­stüt­zung für die Luft­verkehrs­indus­trie, und für Minister Mansoori gilt ohnehin: "Ist der Ruf erst rui­niert, ...".

Immer­­hin wurde die Staats­kasse nicht belastet. Die Tickets koste­ten zwar stolze 1.000 € pro Person, aber die Staats­sekre­tärin durfte auf Condor-Kosten dabei sein, und die Getränke waren auch inklusiv (nur bos­hafte Links­radi­kale sprechen hier von Kor­rup­tion). Und auch über ver­geu­dete Arbeits­zeit sollte man sich nicht be­schweren. Man kann schliess­lich davon aus­gehen, dass sie in diesen sechs Stunden keinen sons­tigen Schaden ange­richtet hat.

Nahezu zeit­gleich weist die Initia­tive "Correc­tiv" nach, dass die ent­gegen anderen Ver­laut­barungen doch noch auf den 01.07.2026 vorge­zogene Sen­kung der Luft­verkehrs­steuer ein Herzens­anliegen des Bundes­verkehrs­ministers war und der Wider­stand dagegen im Bundes­kabinett nur auf­grund finan­zieller Über­legungen zu­stande kam.
Klima­politische Über­legungen spielten für keinen der betei­ligten Minister und keine der Regie­rungs­parteien eine Rolle. Und auch der Bundes­rechnungs­hof bestätigt, dass dieser Minister eher Gesetze bricht, als seine Ver­pflich­tungen zum Klima­schutz umzu­setzen - "Business as usual" für diese Bundes­regierung. Sie steht wegen sowas ja dauernd vor Gericht und wird ihre Klima­ziele insge­samt auch nicht er­reichen.
Das bringt dann selbst altge­diente Umwelt­politiker aus deren Umfeld zu der Erkennt­nis:

"Ich befürchte, der Klima­schutz ist ange­sichts des Kriegs­fiebers sowieso ver­loren ge­gangen. Dabei ist er das größte Sicher­heits­risiko der weiteren Zukunft. ...
Und die Kosten der unan­ständigen "Kriegs­tüchtig­keit" nehmen den öffent­lichen Haus­halten schon heute die Finanz­mittel, sich ernst­haft damit zu beschäf­tigen."
Grafik

Braucht es wirk­lich noch deut­lichere Aus­sagen, um klar zu machen, was diese "Leistungs­träger" tat­säch­lich leisten ?

Andere sind im Über­ziehen ihrer Treib­haus­gas-Budgets aller­dings noch wesent­lich radi­kaler. So berech­net OXFAM:

"Die reich­sten 1% haben ihr jähr­liches Kohlen­stoff-Budget - die Menge an CO₂, die noch ver­braucht werden kann, um im Rahmen einer Erd­erwär­mung von 1,5 °C zu bleiben - schon nach zehn Tagen im neuen Jahr ver­braucht, ... . Die reich­sten 0,1% haben ihr Limit schon am 3. Januar über­schritten."

Oxfam nennt den 10. Januar daher den Polluto­kraten-Tag, von englisch 'pollu­tion', Ver­schmut­zung und Auto­krat, Selbst­herrscher. Um solche Per­ver­sionen abzu­stellen, fordern sie:

(eigene Über­setzung)

Die reale Entwicklung geht allerdings derzeit in ganz andere Richtungen. Die US-Oligarchie unter Trump reisst sich die weltweit grössten Reserven schmutzigen Öls und andere Rohstoffe unter Bruch des Völkerrechts unter den Nagel und zieht sich per Trump-Dekret aus 66 Organisationen, Übereinkommen und Verträgen zurück, überwiegend aus den Bereichen Umwelt- und Klimaschutz. Diese würden "eine Bedrohung für die USA darstellen", ihre "Souveränität einschränken" oder sonstwie "den Interessen der USA zuwiderlaufen". Dazu zählen auch Institutionen, die "radikale Klima-Politiken fördern", wie der Weltklimarat IPCC und die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen, (UN Framework Convention on Climate Change, UNFCCC).
Beides hängt miteinander zusammen, da unter den Organisationen, die die USA verlassen und damit auch teilweise finanziell austrocknen wollen, auch etliche sind, die die geplante Plünderung der Rohstoffe behindern könnten.

Grafik

Die chinesischen "Pläne und Lösungen"

Sucht man nach Spuren gegen­läufiger Ent­wick­lungen, findet man wenig ausser posi­tiv kling­enden Plänen und Ab­sichts­erklär­ungen. Darunter fallen insbe­sondere die jüngsten Aussagen aus China auf. Da hat die Regie­rung "einen landes­weiten Aktions­plan zur Förde­rung von 'grünem Konsum' vorge­legt." Der solle "die Verbrei­tung umwelt­bewusster Konsum­gewohn­heiten stärken und den Über­gang zu einer CO2-armen Produk­tion und Lebens­weise beschleu­nigen".
Tatsäch­lich liest sich der voll­ständige Text wie ein Aktions­programm einer hiesigen Öko-Initia­tive aus den achtziger Jahren, als der Glaube an die Mög­lich­keit einer besseren Zukunft noch weit ver­breitet war. Wer will, kann sich auch noch in Beschrei­bungen der kom­plexen Model­lier­ungen hinter diesen Plänen vertiefen.
Das klingt im Grunde alles viel zu schön, um wahr zu sein, und selbst wenn es China gelingen sollte, wesent­liche Teile davon umzu­setzen, müsste man sich die Frage stellen: soll indivi­duelle Unfrei­heit und umfas­sende soziale Kontrolle wirk­lich der Preis dafür sein, dass eine heutige Konsum­gesell­schaft in den Rahmen der besteh­enden plane­taren Grenzen zurück­geführt werden kann? Grund zur Euphorie besteht hier jeden­falls auch nicht.

Wer kann, mag sich darüber freuen, dass 2025 keinen neuen Rekord bei der Erder­wärmung aufge­stellt hat, mit +1,47°C auch unter der +1,5°C-Grenze geblieben ist und mit einem Abstand von 0,13°C zu 2024 und 0,01°C zu 2023 "nur" an dritter Stelle liegt. Der Kohle­einsatz in der Energie­erzeu­gung ist bei den beiden Haupt­verbrauchern China und Indien zum ersten Mal seit 52 Jahren gefallen und die Diffe­renz weit­gehend durch erneuer­bare Ener­gien ersetzt worden, aber ob daraus ein Trend wird, ist noch nicht sicher.
In den USA sind aller­dings sowohl die Gesamt-Emis­sionen als auch die Emis­sionen aus der Kohle-Ver­stromung 2025 wieder ange­stiegen, obwohl die meisten Maß­nahmen der Trump-Regie­rung noch garnicht wirksam geworden sind. Auch die globalen CO₂-Emis­sionen aus fossilen Brenn­stoffen sind in 2025 voraus­sicht­lich auf ein neues Rekord­niveau gestiegen.

Aus dem Bereich Flug­verkehr gibt es eine neue Studie, die die CO₂-Emis­sionen des globalen Luft­verkehrs im Detail analy­siert und Mög­lich­keiten be­schreibt, wie diese Emis­sionen redu­ziert werden könnten, ohne die Trans­port­leistung zu redu­zieren. Unter­sucht wurden "27,5 Mil­lionen Flüge zwischen 26.156 Städte-Paaren in 2023", die knapp 3,6 Mrd. Passa­giere über gut 43 Mrd. km beför­derten (mehr als 80% des gesam­ten kommer­ziellen Passagier-Trans­ports) und dabei knapp 578 Mt CO₂ emit­tierten.
Die dabei erziel­baren Einspar­möglich­keiten (oder anders herum, die dabei betrie­bene Ver­schwen­dung) sind enorm. Würden auf allen Strecken nur die dort jetzt schon betrie­benen, opti­malen Konfi­gura­tionen von Flug­zeugtyp, Beladung und Aus­lastung geflogen, hätten bereits mehr als 10% der Emis­sionen einge­spart werden können.

Das theo­retische Optimum liegt noch weit darüber. Hätten alle einge­setzten Maschinen die gleiche Effi­zienz wie die der­zeit besten (Boeing 787-9 auf der Lang­strecke und A321neo auf der Kurz- und Mittel­strecke), könnten die Emis­sionen um mehr als ein Viertel sinken. Würde der Platz in diesen Flug­zeugen optimal genutzt (d.h. reine Economy-Bestuh­lung, keine Luxus-Kabinen), wären bereits Ein­sparungen von über 50% möglich. Könnte dann noch die Aus­las­tung auf 95% gestei­gert werden, könnten die Emis­sionen auf weniger als ein Drittel der realen sinken.
Das Ergebnis in den Worten der Autoren:

"Daraus folgt, dass der Trans­port der gleichen Zahl von Passa­gieren über die gleiche Strecke mit weniger als der Hälfte des aktu­ellen Treib­stoff-Verbrauchs mög­lich wäre, wenn Flug­gesell­schaften nur die effi­zien­testen Flug­zeuge nutzen, auf reine Economy-Bestuh­lung um­stellen und den Belade-Faktor auf 95% steigern würden."
(eigene Über­setzung)

Nichts davon hat aller­dings Aussicht, in abseh­barer Zeit umge­setzt zu werden. Flug­zeuge haben eine Lebens­dauer von 25 Jahren und mehr, und der­zeit werden praktisch keine Fort­schritte in der Treib­stoff-Effi­zienz erzielt. Einer optima­leren Raum­nutzung in den Flug­zeugen steht der Luxus-Kurs ent­gegen, der von der Luft­hansa und anderen Airlines immer deut­licher verfolgt wird. Und eine weitere Steige­rung der Aus­lastung wird schon deshalb schwierig bis unmög­lich, weil die EU-Luft­fahrt-Stra­tegie auch heute noch auf Förde­rung des Wett­bewerbs zwischen den Air­lines setzt. Um sich aber unter­einan­der Kunden abjagen zu können, müssen alle Betei­ligten mehr Plätze vor­halten, als sie letzt­end­lich besetzen können.

Dass der Luxus­kurs vieler Airlines auf eine ebenso ver­ant­wortungs­lose Nach­frage vieler 'Wohl­habender' trifft, zeigt eine weitere Analyse im Auftrag von Green­peace. Da wurden Flüge mit Privat­jets und in der First- und Business-Class hin­sicht­lich ihrer Klima­schäd­lich­keit und ihrer vermut­lichen Motiva­tion analy­siert.
Das Ergebnis ist wenig über­raschend, ent­spricht im Wesent­lichen den Resul­taten früherer Studien und beschreibt Sach­ver­halte, die schon seit Jahren zu Protest­aktionen führen und auch im letzten Jahr Auf­merk­sam­keit erreg­ten, weil die Super­reichen immer unge­hemmter ihre Per­ver­sionen zele­brieren.
Einige scheinen sich dabei aller­dings ein bisschen unwohl zu fühlen. Der Risiko-Bericht, der das jähr­liche Treffen der Reichen und Ein­fluss­reichen in Davos kommende Wohe vorbe­reiten soll, warnt vor "geo­wirt­schaft­lichen Kon­fronta­tionen", die in den nächsten beiden Jahren die Haupt­gefahr für ihre Geschäfte dar­stellen, und auch die "Un­gleich­heit" sehen sie als mög­liche Gefahr in den nächsten zehn Jahren. Umwelt­risiken wie der Klima­wandel haben auch da an Dring­lich­keit ver­loren, bleiben aber immer­hin noch auf der mittel­fristigen Agenda.
Greenpeace weist allerdings zu Recht darauf hin, dass dieses Treffen in Bezug auf das Klima immer noch mehr zum Problem als zur Lösung beiträgt, wobei die steigende Zahl der Anreisen im Privatjet eine grosse Rolle spielt.

Grafik

Wen grüsst dieser Herr hier wohl ?

Auch deshalb scheitern solche eher kläg­lichen Versuche, die abge­hobene Agenda der Super­reichen doch noch irgend­wie in Ein­klang mit den Pro­blemen des Rests der Welt zu bringen, schon seit vielen Jahren. Sie haben die Exzesse von Typen wie Elon Musk, Peter Thiel oder den TechBros aus dem Silicon Valley, die sich jetzt um Trump und die MAGA-Bewegung scharen, nie ver­hindern können; sie lassen sich nirgend­wo ein­binden.
In Anleh­nung an altes, deutsches Liedgut, das zu ihrer ideo­logi­schen Grund­haltung passen dürfte:

„Sie wollen weiter kassieren, bis alles in Scherben fällt -
 denn heute triffts erstmal die Ärmsten, und erst morgen die ganze Welt“.

Der Zer­störungs­prozess ist für alle sicht­bar schon im Gang und kann wohl auch nicht voll­ständig rück­gängig gemacht werden. Wieviel aber un­wieder­bring­lich kaputt geht, dürfte immer noch davon ab­hängen, ob es irgend­wann doch noch gelingt, die 'Pol­luto­kraten' von der Macht zu ver­drängen.

Dafür müsste sich aber zu aller­erst die Erkennt­nis durch­setzen, dass die, die unsere Kultur, unsere Umwelt und unser Leben gefähr­den, weder in den Flücht­lings­strömen der Welt schwimmen noch aus­schliess­lich im Kreml sitzen - sie sitzen auch im Weissen Haus und in vielen anderen Zentren der Macht.
Und es hilft auch nicht, Panzer, Kampf­flug­zeuge und Raketen zu be­schaffen - die helfen nur denen, die ihre Macht ver­tei­digen wollen. Kriege zer­stören immer weit­aus mehr als das, wo­gegen sie angeb­lich oder tatsäch­lich geführt werden; heute können sie die Exis­tenz der gesam­ten Mensch­heit be­drohen. Kon­flikte lassen sich daher nur noch mit fried­lichen Mitteln so über­winden, dass daraus Frieden und Ent­wick­lung ent­stehen kann. Auch das ist eine Erkennt­nis, die schon mal weit ver­breitet war und dringend wieder­belebt werden muss.


Button PDF     Button Startseite

Beiträge aus vorangegangenen Jahren befinden sich im Archiv.


Button Seitenanfang